Pfarr- und Kirchort :
Breitenstein (Kraupischken) 

Im südöstlichen Teil des Kreises, 30 km südlich von Ragnit, lag im schönen Instertal Kraupischken. "Cropiscen an der Instrad" wurde zum ersten Mal in einer alten Ordensakte aus dem Jahre 1352 erwähnt. Sie berichtet, dass sich der Orden (unter Winrich von Kniprode) mit dem Bischof von Samland geeinigt hätte, die Landschaft Nadrauen aufzuteilen. 
Um 1515 erscheint Kraupischken wieder im Zinsregister.

Eine Kirchengemeinde wurde 1554 als Reformationskirche gegründet . Um das Jahr 1555 war Augustin Jamund dort Pfarrer, " ehe noch die Kirche völlig ausgebaut war".






(Bild: Sammlung Metschulat)


Seinen ersten Amtsschulzen erhielt der Ort 1615. Goldbeck erwähnt in seiner " Topographie des Königreich Preußen " (1785) Kraupischken als ein "Königliches Dorf mit einer Kirche an der Inster, einem Adel. Krug und drei adeligen Bauernhöfe, 15 Feuerstellen; der Adel. Krug gehört zu Breitenstein und die adeligen Höfe verschiedenen Adeligen Einsaaßen."

Während der Pestjahre 1708/09 verlor das Kirchspiel Kraupischken fast die Hälfte der Einwohner. Viele Bauernhöfe, ja ganze Ortschaften lagen wüst und verlassen da. Mehrere Jahrzehnte litt das Land unter den Folgen der Menschenverluste. Erst als auf Veranlassung des tatkräftigen Königs Friedrich Wilhelm I. tausende Kolonisten, unter ihnen die Salzburger, in die verwüsteten Gebiete einströmten, begann das Kirchspiel allmählich sich von der Katastrophe zu erholen.

Günstig für die Entwicklung des Ortes wirke die Aufhebung der Leibeigenschaft und des Scharwerkzwanges im Jahre 1808 aus.

Einen bescheidenen Aufschwung erlebte das Dorf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den Jahren 1856/57 erfolgte der Ausbau des Straßennetzes; die erste Steinstraße (Chaussee) erreichte den Ort. 1859 begann der regelmäßige Wochenmarkt, 1861 der jährliche Vieh- und Pferdemarkt.
Einen Rückschlag in der ständigen Aufwärtsentwicklung des Ortes stellte die Natur- und Brandkatastrophe des Jahres 1866 dar. Ein ungewöhnlich heftiger Wirbel- und Gewittersturm suchte das Kirchdorf heim. Binnen weniger Stunden fielen über 100 Häuser, teils durch Einsturz, teils durch Feuer, dem Unwetter zum Opfer.

Eine Kleinbahnverbindung mit den Städten Insterburg und Ragnit wurde erst kurz nach der Jahrhundertwende geschaffen.
Die Straßen des Dorfes mit den ansprechenden, meist weißen Gebäuden gaben ihm ein nahezu städtisches Aussehen. Die zahlreichen Geschäfte zeugten von einer kaufkräftigen Bevölkerung in nah und fern.

Den schönsten Eindruck gewährte Kraupischken, wenn man sich ihm von Insterburg aus näherte.Man sah dann den Marktflecken mit seinem die Häuserdächer hoch überragenden Kirchturm freundlich im Grün des schroff abfallenden Instertales liegen.
Eine der mannigfachen Verkehrsstraßen führte nach Schillen; weiter gab es Chausseen über Hohensalzburg nach Ragnit bzw. Pillkallen, nach Gumbinnen mit einer Abzweigung nach Altenkirch und nach Insterburg.


Bahnhof der Kleinbahn 1991




Bahnhof der Kleinbahn
ohne Funktion 1991
(Bild: Sammlung Metschulat)

Als eine Folge der Machergreifung muss auch die über ganz Ostpreußen erstreckende " Umbenennungsaktion" angesehen werden. Kraupischken musste 1938, wie viele andere Orte auch, den altgewohnten Namen wechseln. Die anfängliche Bezeichnung "Platzdorf" fand bei der Bevölkerung wenig Anklang. Wenige Monate später erhielt der Ort den bisher nur für das Gut verwendeten Namen "Breitenstein", den er bis zur Vertreibung führte.
Fast schien es, als ob die Umtaufe für den Ort ein gutes "Omen" bedeutete. Allenthalben begann sich eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung abzuzeichnen.. Das galt vor allem für die Bautätigkeit. Sowohl im Geschäftsvierte rings um dem Markt als auch an den Ortsrändern entstanden zahlreiche neue und moderne Wohnungen.



Die größeren Unternehmungen des Ortes, wie z.B. die Mühlenwerke, die Molkereigenossenschaft , Reparaturwerkstätten für Kraftwagen und landwirtschaftlichen Maschinen bauten ihre Betriebseinrichtungen, Werkstätten und Verkaufsläden aus und vergrößerten sie.


Breitensteiner Mühlenwerke 1944 (Bild: Sammlung Metschulat)
Die Geschäftstrassen rund um dem Markplatz und Kirche mit den dekorierten Schauauslagen der Kaufhäuser und dazwischen in bunter Folge:
Bankniederlassungen, Hotels, Gaststätten, Drogerien, Handwerkerläden und eine Apotheke. Es entstand der Charakter einer kleinen Stadt.
Unter den Gaststätten nahm das größte Hotel ( Jonuscheit) mit seinen 30 Betten die erste Stelle ein.

Hier feierten die Kraupischker im großen Saal mit Vorliebe ihre Veranstaltungen und Vereinsfeierlichkeiten.
Hier soll noch genannt werden: Hotel Lindenhof; Hotel Deutsches Haus.n den ersten Kriegsjahren des 2.Weltkrieges ging das tägliche Leben fast ohne große Veränderungen seine Gang weiter. Oktober 1944 kam der Räumungsbefehl für die Dörfer westlich und östlich der Inster. Im ganzen Kirchspiel begannen die Trecks sich in Bewegung zu setzen.



Hotel "August Jonuscheit"
(Bild: Sammlung Stadt Lütjenburg)

Ohne Behinderung durch den Feind erreichten die langen Fuhrwerkskolonnen ihre Bestimmungsorte in der Umgebung der Städte Braunsberg, Heilsberg und Heiligenbeil. Aufgrund eine kurzen Stillstandes an der Insterfront nutzten einige die ruhige Situation zu einer Rückfahrt auf den heimatlichen Hof aus, um das eine oder andere noch nachträglich zu bergen.

Im November 1944 wurde das Volkssturmbataillon "Breitenstein" aufgestellt. Die Bewaffnung und Ausrüstung rechtfertige keinen Fronteinsatz; die Folge waren schwere Verluste.
Am 18.01.1945 kam es zum Durchbruch russischer Panzerverbände an der Insterstellung 5 km nördlich von Breitenstein. Damit war auch der südlichste Zipfel des Landkreises Tilsit-Ragnit verloren.


letzte Statistik (Stand : 1.08.1944) - Einwohner Stand :17.05.1939)
  • Breitenstein Einwohner : 1.263 - Fläche: 882 ha
    • alter Ortsname : Kraupischken bis 17.08.1938
    • seit 1945 : Ul´janovo
    • zur Gemeinde gehören die Wohnplätze :
      • Breitenstein, Gut ( Gut Adl. Breitenstein)
      • Friedrichswalde
        (bis 1863 Adl. Vorwerk zum Hauptgut Kraupischken, danach Adl. Gut)
      • Juckstein

Anmerkung:
1) Pfarr- und Kirchort - Kraupiscken (Breitenstein) seit 1609
2) Der Ort wurde erstmal im Jahre 1352 auf einer Landkarte als Cropiskten an der Instrut genannt

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 1198 (Breitenstein) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Nach 1945
Die Bewohner leben - soweit sie die Katastrophe überlebt haben - in der Bundesrepublik. Zum Leidwesen vieler verhindert die räumliche Trennung den Wiederaufbau der alten Schicksalsgemeinde. Ein Band verbindet aber auch heute noch alle ehemaligen Breitensteiner. Dies Band knüpfte die Stadtverwaltung der kleinen holsteinischen Stadt Lütjenburg, als sie 1953 die Patenschaft über Breitenstein übernahm.

Sonstige Beiträge :
Klaus-Dieter Metschulat / Katharina Willemer:
1352 bis 2002 - 650 Jahre von Crospisken an der Instrut
zu Kraupischken-Breitenstein-Uljanowo
mit Dorfchronik ab Mitte des 19.Jahrhundert
Fritz Brix: Die Kirchspielschule Kraupischken
Klaus-Dieter Metschulat: Breitenstein im Jahre 1990

Gertrud Fleischer: Meine Jugendzeit in Breitenstein (früher Kraupischken)
Max Szameitat: Erinnerungen aus Breitenstein(Kraupischken)
Eva Gülzau, geb. Rohde: Molkerei Breitenstein, erstes Wiedersehen nach 46 Jahren
Dr. Johannes Moderegger: Ein Wiedersehen mit dem Tal der Inster
Gertrud Fleischer: Erinnerung an meine Kindheit in Breitenstein (früher Kraupischken)
Dr. Hans Schumann: Erinnerungen an die Kindheit und Jugendzeit in Kraupischkten(Breitenstein)
Wochenmarkt in Breitenstein

2.Weltkrieg : Der Volkssturm verteidigt unsere Heimat
2.Weltkrieg: Die Evakuierung des Kirchspiels Breitenstein
Wie es war, damals in den Jahren 1945 bis 1948 im Kraupischker Kirchspiel
Die Breitensteiner Mühlenwerke - Chronik eines ostpreußischen Unternehmens

Ortsplan von Breitenstein/Kraupischken Stand: 1944 (ca. 385 KB)
Hausbelegung zum Ortsplan von Breitenstein Stand: 1939/40(ca. 230 KB)
Dr. Hans Schumann/Klaus-Dieter Metschulat: 1933: Beginn der "Neuen Zeit" - auch in Kraupischken



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.06.1999
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 26. Januar 2017