Geschichte
Crospiscin - Crupiscken - Kraupiskas - Kraupischken
von Katharina Willemer; Reinhold Gäbel

Anläßlich des neunten Schultreffens im Mai 2007 in Lüneburg bat ich Herrn Reinhold Gäbel, sich doch meine gesammelten Unterlagen, die Namensdeutung des Kirchspiels Kraupischken betreffend, durchzusehen und evtl. noch weitere Forschungsmöglichkeiten aufzudecken. Mit Erlaubnis von Herrn Reinhold Gabel möchte ich Ihnen dessen Fazit im Original weitergeben. Nach meinem eigenen Verständnis - ist es nun ein Zwischen- oder Endergebnis, ich weiß es nicht - gibt es eine Vielzahl von Sprachwurzeln und evtl. mündliche mundartliche Namensveränderungen, die nicht zu einer eindeutigen Interpretation führen können.

Stutzig hat mich schon gemacht, daß die Endungen -ischken, -isken 119 mal im Ostpreußischen Ortsverzeichnis zu finden sind. Mag es nun ein Dorf, ein Ort an einem Gewässer liegend bedeuten oder, oder -

Ich bedanke mich für diesen Beitrag bei Herrn Gäbel und möchte hiermit meine Versuche zur Deutung des Ortsnamens Kraupischken abschließen.

Katharina Willemer

Crospiscin - Crupiscken - Kraupiskas - Kraupischken
Reinhold Gäbel
Rüti, 19.12.07

Da es wohl nie ein schriftliches Zeugnis über die Namensgebung des sich entwickelnden Dorfes um die Herberge an der Inster und der Wegkreuzung (Insterburg - Pillkallen und Goldap - Ragnit) gab, ist wohl hier der Glaube gefragt. Soll ich meinem Großvater glauben, der von alten Kraupischkern die Mordgeschichten vom Herbergswirt erfahren hatte. Und das sei der Grund gewesen, warum man das sich um diese Herberge bildende Dorf dann Kraupischken (Ort des Schauderns, Schauderdorf) genannt hatte. Oder soll ich dem Sprachwissenschaftler glauben, der den Namen rein sprachwissenschaftlich analysiert und auf Grund dieser belegbaren Analyse zum Schluß kommt, daß Kraupischken "Dorf der Kröten/Frösche" bedeutet. Ich glaube nicht, daß die Population der Kröten/Frösche auf den Insterwiesen Grund für die Namensgebung waren, wenngleich meine Großeltern einen Frosch nicht nur Pogg, sondern auch Krapetschke nannten. Ich glaube, daß sich Kraupischken gut aus der litauischen Sprache, die wie das Preußische zu den baltischen Sprachen gehört, erklären läßt. (Die litauische Sprache war bis ins 19. Jahrhundert in unserem Gebiet anerkannte Muttersprache) Crawpischken - Kraupas - Kraupis - "Schrecken einflößend, unheimlich..." - ist das so unwahrscheinlich, wenn man den Ort, wo Reisende auf ewig verschwunden sind, mit "Ort des Schreckens - Schauderdorf" bezeichnete?

Das Nadrauer Gebiet ist der Teil von Ostpreußen, welcher am längsten von Pruzzen und Litauern in der Überzahl bewohnt wurde und erst später durch die Einwanderer aus westlichen Staaten Europas (Hugenotten, Salzburger, Schweizer und Deutsche aus anderen Provinzen) verdrängt wurden. Hieß doch das Gebiet noch lange bis ins 18. Jahrhundert hinein "Lithuania Minor, Klein Litauen" oder wie auf der "Karte des Königreichs Preußen - östlicher Teil, 1775" - LITTAUISCHER KREIS. Auf dieser Karte wird Crospiscin bereits Kraupischken geschrieben. Auf den Karten "PRVSSIA ACCVRATE DESCRIPTA a Gasparo Henneberg Erlichensi." um 1650 und "PRVSSIAE NOVA TABULA" im 17. Jahrhundert wurde Kraupischken noch Crupiscken geschrieben.

Leider ist die Deutung eines Namens eine unsichere Angelegenheit, wenn nicht historisch belegbare Unterlagen für die Namensgebung verfügbar sind. Für die Entstehung des Namens Kraupischken gibt es keinen belegbaren Nachweis; es gibt die Legende und die Möglichkeit der sprachwissenschaftlichen Analyse. Hier hat nun jeder die Freiheit, das zu glauben, was ihm beliebt.


Nachtrag
Reinhold Gäbel
Rüti, 09.01.08

Liebe Frau Willemer,

Ich möchte aber nochmals darauf hinweisen, daß wir damit leben müssen, nicht all unsere Ortsnamen wirklich entschlüsseln zu können, Die Entwicklungsgeschichte unseres Ostpreußens, das 1945 ein brutales Ende fand, war viel zu bewegt, was Land, Leute, Sprache und Gesellschaftsentwicklung betraf.

Nicht jeder Ortsname ist so leicht erklärbar wie z.B. Pillkallen: pilis = Schloß und kalnas = Berg oder Angerapp sich aus den prußischen Wörtern: anguris = Aal und ape = der Fluß zusammensetzt.

Und hier noch einige Gedanken zur Endung von Ortsnamen auf ,,-ischken". Ich glaube nicht, daß diese Endung Hinweis auf die Ortslage an einem Gewässer bedeutet. Malwischken, Werdelischken, Eimonischken und Stelischken waren z.B. alles Ortschaften im Gebiet zwischen Gumbinnen und Kraupischken. Aber keines dieser Dörfer lag an einem Fluß oder anderem Gewässer, ist es nicht auch so, daß sich der Großteil der Ortsnamen mit der Endung -ischken im Gebiet des ehemaligen "Preußisch-Litauen" befindet. War es die Stimme des Volkes, die durch fremde Spracheinflüsse die Endungen bestimmter Ortsnamen veränderte? Wie z.B. Kraupischkas in Kraupischken? Hier müßte die Sprachforschung einsetzen, um zu ermitteln, welche sprachlichen Einflüsse bestimmend für die Änderung der Endsilben war und ab wann diese Namen zum ersten Male auf den amtlichen Landkarten auftauchten.

Herzlichst Reinhold Gäbel


Autor: © Katharina Willemer; Reinhold Gäbel
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 82/2008 Seite 35ff

Vorwort



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 14.05.2008
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 1. Februar 2011