Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein:
Aus meinem Schulleben
von Lydia Rogall

Mein erster Schultag, meine Mama begleitete mich zur Schule, Papa hatte uns hingefahren. Ich guckte! So viele Kinder! Was würde das wohl geben? Alle standen oder liefen umher, Mama erzählte mit den Nachbarn. Ich setzte mich auf den umgekippten hohlen Holzkasten (Podium), darauf stand ein Pult und ein Stuhl. Für mich war der Sitzplatz recht angenehm. Die Füße reichten bis zum schwarz geölten Holzfußboden, und ich hatte eine gute Übersicht. Ich saß da ganz alleine, erstaunt und neugierig, aber ohne Angst oder Hemmungen.

Ich wollte gerne in die Schule gehen. Eine Schultüte gab es nicht, aber ich hatte einen Ledertornister vom Bruder Franz geerbt, der roch irgendwie nach Schule oder Leder. Darin befanden sich eine neue Schiefertafel, eine Seite mit Rechenkästchen, eine Seite mit Linien zum Schönschreiben. Die weiße Holzleiste wurde ein Mal wöchentlich mit Ata gescheuert. An der Tafel hing ein feuchtes Schwämmchen und ein "Kodderchen", ein Läppchen. Beides hing seitlich aus dem Tornister raus. Dann hatte ich noch einen schönen Griffelkasten aus Holz, den Decke! (bunt bemalt war er) konnte man raus schieben. Darin waren Griffel aus Schiefer, Bleistifte, Buntstifte, Radiergummi und ein Anspitzer. Eine Fibel zum Lesen Lernen, ein Rechenbuch - ohne Textaufgaben - ein Zeichenblock kam später dazu, und ein Frühstücksbrot in Pergamentpapier einge-wickelt. Wenn man lief, klapperte es lustig auf dem Rücken.

Bild oben: das bin ich 1937, 10 Jahre alt




Unsere alte Schule in Kneiffen.
Viele Bienen hatte unser Lehrer,
vier große Fenster hatte der Klassenraum


Nach einer Weile kam der Lehrer, begrüßte alle freundlich, und Erika, Lisbeth, Agathe, Frieda und ich durften vorne auf der ersten Bank Platz nehmen. Die Jungs saßen am Fenster, dazwischen gab es den Mittelgang. In den hinteren Reihen saßen die "großen" Kinder.

Zwei Schuljahre hatten wir zusammen Unterricht, wenn die Großen ein Diktat schreiben mussten, rechneten den Kleinen die aufgegebenen Hausaufgaben schriftlich oder zeichneten.

Unser "Herr Lehrer" hieß Gottschalk, er war sozusagen strafversetzt in unsere kleine Dorfschule in Kneiffen. War er Studienrat gewesen an einer Oberschule, war er als SPD-Mitglied "gestraft", oder hat er freiwillig unsere Schule gewählt? Sein Sohn Gerhard, er war mongoloid, war immer mit in der Klasse, ein ruhiges Kind, manchmal ein wenig eigenartig, aber gehänselt wurde er nicht. Die Tochter Ursula war sehr hübsch und besuchte die Oberschule in Interburg. Unser Lehrer hatte vielseitige Talente: sportlich, musikalisch, klug war er. Er war eine Respektperson, hatte keine Schwierigkeiten, Ordnung und Disziplin in der Klasse mit 40 bis 60 Kindern zu halten. So musste man sich melden - Finger hoch - und warten, bis der Lehrer es bemerkte, dann höflich fragen: "Herr Lehrer, darf ich austreten?" oder "Herr Lehrer, ich weiß es!". Manchmal durfte man auch etwas erzählen. Die Aufsätze musste man laut und deutlich vorlesen, ich schrieb gerne Aufsätze, einer wurde besonders gelobt - ich bekam eine 1 -und bis heute weiß ich es: Meine Erklärung fing an "UND ZWAR war es so und so", "und zwar" war eine besondere Ausdrucksweise (fand mein Lehrer).


Auf der Treppe vor der Schule, neben dem Lehrer stehe ich

Am 10. April 1934 begann also meine Schulzeit. Ich wurde im August schon sieben Jahre alt, und immer ging ich gerne zur Schule, die Ferien kamen mir immer viel zu lange vor.

Unsere Schule lag auf dem "Kneiffer Berg", eine Anhöhe, würde man sagen, aber einige Pferde hatten Mühe, unseren "Serpentinen-Pflasterweg" hoch zu kommen. Unten an der Inster gab es eine schöne Asphaltstraße, die von Insterburg über Breitenstein nach Tilsit oder auch von Breitenstein nach Gumbinnen ging. Aus unseren Nachbardörfern Wittenhoe und Scherden besuchten die Kinder auch unsere Schule, die die schöne Straße benutzen konnten, während wir - Bauernkinder - vom Abbau einen circa 1 Kilometer weiten Landweg, der manchmal im Herbst etwas matschig war, laufen mussten. Dafür machte es im Sommer Spaß, in den trockenen Gräben kleine Erdbeeren zu pflücken, auf Grasstengel zu ziehen und zu verspeisen.

Manchmal liefen kleine Feldmäuse daher. Eine kleine Maus hatte ein Junge einmal gefangen und meiner Schwester Lenchen in den Nacken gesteckt, was sie noch nach Jahren mit Entsetzen erzählte. Gerne standen wir auch an den Telefonmasten, pressten das Ohr dran und meinten, etwas mitzuhören. Es war aber nur ein tiefes Brummen.


Im Winter, bei Schneetreiben, mussten wir gegen den scharfen Wind ankämpfen, aber wir hatten ja dicke Mützen, Handschuhe, Mantel, dicke Unterwäsche, dicke Strümpfe aus Wolle - die kratzten manchmal - Trainingshosen, warme Schuhe und einen "Muff" für die Hände. Wenn es zu kalt war, fuhr Papa uns mit dem Schlitten hin und nahm die Nachbarkinder mit. Leider waren es nur Jungs - in meinem Alter Helmut und Alfred Adomeit, Herbert Rausch, Kurt Romeikat. So wehrte ich mich bei Schneeballschlachten mutig und kletterte genau so gerne auf Bäume wie die Jungs. Es waren nette Jungs! Wir spielten gerne im Winter auf dem Dorfteich, wenn er zugefroren war. Das Spiel "Wer fürchtet sich vor'm schwarzen Mann" ging so: Auf jeder Teichseite stand eine Gruppe, einer aus jeder Gruppe versuchte dann nach dem Kommando "Wer fürchtet sich vor'm schwarzen Mann" (wo alle zur anderen Seite liefen), einige zu fangen, für die eigene Gruppe. Der Hauptspaß war, über das Eis zu flitzen oder zu "schorren", das hieß, anzulaufen und mit Schwung eine Eisbahn geradeaus zu rutschen. Das Krengeln machte auch Spaß. In der Mitte des Teiches war ein dicker Pfahl eingeschlagen, daran eine lange Stange befestigt, und am Ende hängten wir unseren Schlitten daran, darauf kam der Kleinste, dann schoben alle mit Schwung die Stange rundum. Dabei stürzte einmal Alfred so unglücklich aufs Eis, dass er wie tot da lag und wir alle mächtig erschraken, zum Glück erholte er sich schnell. Unsere Schlittschuhe machten uns auch Mühe. Sie mussten mit einem kleinen Schlüssel an die Schuhe "angenudelt" werden. Die kleinen Haken ruinierten die Absätze, und Schuhe waren teuer und im Krieg nur auf Bezugsscheine zu haben.

Ich schaue mein Zeugnis an und versuche, die Unterrichtsfächer zu beschreiben. Da steht zunächst "Betragen" und "Fleiß" - was heute ja nicht mehr so wichtig ist, oder besser: nicht beurteilt wird, weil unsere Kinder heutzutage alle brav sind! Also, ich war auch immer brav und fleißig, aber ich denke, "mangelhaft" stand auf keinem Zeugnis, vielleicht mal "befriedigend".

Dann die versäumten Tage: Im 5. Schuljahr fehlte ich 18 Tage, das war 1939 - ich muss krank gewesen sein. Eine Kiefernvereiterung hatte ich, hohes Fieber, Arztbesuch in Breitenstein und ein paar Tage Bettruhe bei der Tante. Außerdem hätte ich in dem Jahr zur Oberschule gehen sollen. Mein Lehrer kam zu meinen Eltern, redete lange mit Mama und meinte, es wäre schade, "dieses Talent" nicht zu fördern. Meine Mama meinte: "Ach nein, bis Insterburg fahren oder womöglich da wohnen - das Lidachen heiratet sicher mal einen wohlhabenden Bauern - dafür ist eine Oberschule nicht notwendig. Ich war schwer enttäuscht, und lange habe ich meiner Mama diese Entscheidung verübelt, aber im Nachhinein, aus ihrer Sicht, verstehe ich es, und ich bin auch auf "Umwegen" zur "Bildung" gekommen.

Religion - meine besten Zensuren, stelle ich fest, nur Einsen und Zweien. Was lernten wir? Aus dem kleinen Katechismus - die 10 Gebote mit Erklärung -"Was ist das?". Zum Beispiel das 4. Gebot: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir's wohl ergehe und du lange lebest auf Erden." Was ist das? "Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert halten." So lernten wir alle Gebote auswendig, und aufsagen mussten wir sie, schön ordentlich mit Betonung. Ich hatte natürlich aus meinem christlichen Elternhaus Vorteile in Religion. Meine Mama sang gerne Kirchenlieder, und Papa kannte sich in der Bibel aus. Er war einige Zeit in Bethel Diakon-Anwärter gewesen. Mamas Bruder war Missionar in Indonesien, bis er im Heimaturlaub beim Baden in der Inster ertrank.

Dann Deutsch, mündlich und schriftlich. Ein Lesebuch und die Sprachlehre musste man haben. Das Lesen war für mich kein Problem, ich las so gerne! In der Schulbücherei konnte man Bücher ausleihen, Zuhause gab es ein Bücherregal, aber das war schnell ausgelesen. Die "Nachbaroma" lieh uns "wahre" Geschichten, das durften die Eltern aber nicht wissen.


Wils Randers
(Otto Ernst)

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt Himmel, so sieht ma´s gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut
Gleich holt sich´s der Abgrund.

Nils Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er: "Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen. "

Da fasst ihn die Mutter: " Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich wills, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!"

Nils tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
" Und seine Mutter?"

Nun springt er ins Boot, und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern ...! Nein: es blieb ganz!...
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Die schnauben und schäumen.

Die hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken der anderen springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun hrennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält -
Sie sind es! Sie kommen!

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt
Still- ruft da nicht einer? - Er schreit's durch die Hand:
"Sagt Mutter, 's Uwe!"

Gedichte: Auswendig lernen und mit Betonung aufsagen. Das machte uns der Lehrer mit diesem dramatischen Gedicht theatralisch mit großen Gesten und lauten Rufen vor! Wir waren alle ergriffen und aufgeregt, zitterten mit-leidig mit der armen Mutter, und plötzlich - mittendrin - fing ein Junge an lachen! Erschrocken blickten wir hoch, unser Lehrer wurde fuchs-teufelswild - er stieg vom Podium und verpasste dem Jungen eine kräftige Ohrfeige. Die große Spannung war vorbei! Dabei fällt mir die Übung mit meinem Bruder Alfred ein: Er machte immer wieder den selben Fehler im Gedicht - was mich furchtbar aufregte.

Bild rechts: 1937: Alfred und ich vor der großen Tafel

Schwierig war die Satzlehre, Satzaussage, Satzergänzung usw.

1. Fall: der - wer - Nominativ

2. Fall: des - wessen - Genitiv

3. Fall: dem - wem - Dativ

4. Fall: den - wen oder was - Akkusativ

Wir lernten nur die deutschen Bezeichnungen, aber es gab viele „Eselsbrücken". So ist mir noch heute geläufig:

an, auf, hinter, neben, in, über, unter, vor und zwischen - stehen mit dem 4. Fall, wenn man fragen kann: wohin.

Nach dem 3. stehen sie so, dass man nur kann fragen: wo.

So schwierige Sachen, wie das Perfekt oder Plusquamperfekt lernte ich erst im Englischunterricht in der Volkshochschule - ganz begriffen hob ich's leider nicht.

Diktate schreiben zu lassen, liebte unser Lehrer, nicht immer bekam man die Geschichten nach Hause mit zum Üben, aber ich hatte schon im Gefühl, was richtig oder falsch war, wenigstens meistens! Flüchtigkeitsfehler und Kommafehler passierten schon, besonders unsere Jungs machten gerne Fehler, oder täusche ich mich?

Erika, meine Nebensitzerin, war unsere Klassenbeste, wenn ich nur eine halbe Note schlechter beurteilt wurde, ärgerte ich mich. Zum Glück wechselte sie zur Mittelschule - und Lisbeth wurde meine Nachbarin, sie war nicht ganz so schlau. Wir wurden richtige Freundinnen, fuhren später zusammen zum Konfirmandenunterricht und trafen uns auch nach der Schule. Sie half mir auch später in den höheren Klassen. Bei der Versetzung rückte man immer eine Bank nach hinten. Leider konnte ich da nicht mehr die Zahlen auf der großen Wandtafel erkennen, und meine Mama meinte: "Eine Brille? Unmöglich! Alle meine Kinder können gut sehen - und du nicht?" Wenn ich mir das Schulbild anschaue, stelle ich fest, niemand hat eine Brille. Was bestimmt nicht heißt, alle können gut sehen. Heutzutage tragen fast alle Schüler eine Brille oder Kontaktlinsen. Wenigstens half mir Lisbeth gut - unauffällig konnte ich die Zahlen von ihr abschreiben, und so lernte ich auch Rechnen mit befriedigendem Erfolg.

Das Einmaleins musste jeder Schüler flüssig und prompt können, falls nicht, musste man so lange stehen bleiben, bis die nächste Zahl stimmte. Auch das große Einmaleins mussten wir üben, was ein wenig mehr Mühe machte. Teilen und Malnehmen brachte uns unser Lehrer auch gut bei. Aber an so merkwürdige Textaufgaben erinnere ich mich nicht; aber der Dreisatz ging ähnlich.

Geschichte war ein interessantes Fach. Zunächst ging es um die alten Römer, den Ritterorden in Ostpreußen, die Kaiserkrönung in Königsberg, den verlorenen 1. Weltkrieg usw. Dann mussten wir so "wichtige" Daten wissen, wann und wo Adolf Hitler, Hermann Göring, Heß, Axmann (Jugendführer) geboren waren. Das was damals Pflicht. Unser Lehrer war kein Mitglied der Partei. Er musste aber auch mit uns am Ende des Schuljahres die Fahne hissen - alle gerade stehen und singen lassen "Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen ..." und "Deutschland Deutschland über alles, über alles in der Welt ...". Alle drei Strophen.

Erdkunde: Dafür wurde an die Tafel eine große Landkarte gehängt, und unser Lehrer zeigte mit dem langen Zeigestock, wo die vielen Länder lagen, die größten Städte und Flüsse in der Welt. Die wir auswendig lernen und dann selber auf der Karte suchen sollten. Ich - ohne Brille - fand sie schlecht. Aber Zuhause gab es einen Atlas, da fand ich alles!


Naturgeschichte: Dafür hatte ich ein Realienbuch von den Eltern bekommen, worüber ich sehr stolz war. So ein schönes Buch hatten nur wenige Kinder. Da gab es bunte Bilder und Erklärungen von Pflanzen, Blumen, Tieren bis zu Pilzen und sonst was. Darin las ich gerne.

Heimatkunde hatte ich sehr gerne. Da zeichneten wir unser Ostpreußen, die Grenzen, die Flüsse und Städte. Durch den polnischen Korridor waren wir praktisch eine Insel. So war es für uns Schüler eine große Freude, als unser Lehrer mit uns einen Ausflug nach Rossitten auf die Kurische Nehrung machte.



Zum ersten Mal sahen wir das Kurische Haff, das ja drei mal so groß wie der Bodensee sein soll.


Bild links: Wanderdünen auf der Kurischen Nehrung

Mit dem Dampfer ging's bis zur Nehrung rüber und dann die Ostsee. Wir staunten alle über das "weite Meer", die Wellen, einfach toll. Baden durften wir, durch die weichen Sanddünen laufen bis zur Vogelwarte, wo so viele Vögel beringt wurden (auch zu unseren Störchen kam jemand, stieg aufs Scheunendach, und die Jungstörche bekamen einen Ring). Sogar die Segelfliegerschule besuchten wir, sahen auch Jungs, die ein Flugzeug schoben, nur einen richtigen Elch sahen wir nicht, nur eine Riesenelchschaufel an einer Wand. Unsere Heimat war schön! Viel zu wenig haben wir erkunden können. Einmal im Sommer gab es eine Wanderung. Zur Nachbarschule in Falkenort gingen wir. Da gab es einen neuen Sportplatz. Es waren sicher 3 Kilometer zu laufen. Lieber wären wir auch mal nach Königsberg oder an die Masurischen Seen gefahren, aber leider - als ich gerade 12 Jahre alt war, begann der Krieg - mit vielen Verboten, Einschränkungen und Änderungen.

Ich war jetzt im 6. Schuljahr, ging immer noch gerne in die Schule. Am 24. August hatte ich Geburtstag, mitten in der Erntezeit und in den Ferien. Alle Geburtstagskinder wurden in der Schule geehrt, ihnen wurde gratuliert, ihr Platz war geschmückt; aber mein Geburtstag war in den Ferien, keine Feier gab's. Zuhause schon, aber nur nebenbei, denn zwei Tage später hatte Papa Geburtstag, da kamen Gäste.

Musikunterricht, das war schön. Unser Lehrer brachte die Stimmgabel, Geige oder das Bandonium mit. DO-RE-MI-FA-SO-LA-TI-DO lernten wir eifrig, schrieben auch Noten, übten Lieder - zweistimmig. Ich sang die 2. Stimme.


"Nicht so laut brüllen, auf die anderen hören!", meinte Herr Gottschalk. Einmal kippte ich beim Singen um. Singen musste man im Stehen - ich kann heut noch nicht gut lange stehen!

Zeichnen hieß hauptsächlich Malen: ein Haus mit roten Dachziegeln, Schornstein und immer ein Schonsteinfeger drauf mit Zylinder. Darauf besinne ich mich. Für Raumlehre (Dreiecke, Vierecke usw.), dafür hatte ich keine gute Begabung.

Turnen, das gab Spaß. Eine große Wiese, eingezäunt, war unser Sportplatz. Barren und Reck, eine Sprunggrube, sogar Korbballnetze hatten wir (und Bälle). Am meisten Spaß machte mir Völkerball. Laufen konnte ich auch schnell, Springen so an die drei Meter, das ging, aber ich hätte so gerne den Schlagball so weit geworfen wie unsere Jungs - leider kriegte ich den besagten Schulter-wurf nicht hin. Es gab im Nachbarort Kreis-jugendwettkämpfe (hießen sie so?). Auf alle Fälle kämpften Schulen um Pokale und Gewinne - wir auch - ehrgeizig versuchten wir, 1. Plätze zu kriegen. Ich denke, es gelang uns!? Unser Lehrer war sehr sportlich. Er brachte uns Schwimmen bei. Zunächst Trockenübungen auf der Insterwiese, richtig atmen - sehr wichtig - dann mit Hilfestellung ins Wasser. Klappten "drei Züge" im Brustschwimmen, schaffte man bald die Überquerung der Inster.


Besuch 1993: die Inster

Stolz waren wir, wenn uns das Freischwimmerzeugnis - 15 Minuten schwimmen, vom 1-m-Brett springen - ausgehändigt wurde. Im Winter spielten die Jungs mit dem Lehrer auf dem zugefrorenen Dorfteich Hockey, während wir Mädchen Handarbeit hatten. Rodeln in Lewecks Rossgarten, den Kneiffer Berg runter bis kurz vor der Straße, war ein großes Vergnügen, das unser Lehrer manchmal erlaubte. Der Unterricht fiel dann aus, ebenso an Fastnacht. Da sangen wir "Fastnacht feiert Katz und Maus - Schuppnis gibt's in jedem Haus - die Raben sind gekommen - haben die Bücher weggenommen." Dann, hieß es schulfrei, meistens lag Schnee, der Teich war zugefroren. Das waren Winterfreuden. Im Sommer gab es eine "Schnitzeljagd". Wir gingen zu Lewecks Wald, eine Gruppe versteckte sich, die andere musste suchen. Nach einiger Zeit pfiff der Lehrer auf der Trillerpfeife, und alle kamen zum Sammelplatz unter einer großen Tanne. Darauf saß ich, ganz versteckt in den großen Zweigen, keiner hatte mich gefunden - ich freute mich - kam aber dann ganz stolz runter. Die Tanne stand übrigens unter Naturschutz, Leweckes Tochter schickte mir das Foto vor vielen Jahren.

Bild rechts unten: Unser Lehrer unter der besagten Tanne

Ein "älteres Fräulein" gab uns Mädchen Handarbeits-unterricht. Wir lernten Stricken, Sticken und Häkeln. Dabei hatte ich einmal einen "Unfall". Taschentücher umhäkeln war angesagt, eine schöne Spitze sollte rundum sein. Dabei stach ich so fest mit der Häkelnadel durch den Stoff und durch die Haut meines Fingers, dass die Nadel "raus guckte". Das war ein Schreck! Für solche Fälle war Frau Gottschalk da. Sie zog mit viel Zureden und Geschick die Nadel wieder aus meinem Finger.

Bastelunterricht hatten wir auch, so machten wir aus Papierschnitzeln und Mehl-kleister einen dicken Teig. Daraus formten wir Kasperle-figuren, unten ein Loch im Kopf, darein steckte man später den Finger, nachdem der Kasper schön angekleidet war.

Ich erinnere mich gut an einen "Dorfgemeinschaftsabend", da wurden die Eltern eingeladen, kleine Spiele wurden gemacht, Gedichte vorgetragen und gesungen. Am schönsten fand ich unsere Weihnachtsfeier mit Krippenspiel und viel Gesang. Als kleine Engel hatten wir ein weißes langes Hemd mit goldenen Sternen verziert, Flügel aus Pappe, mit Goldpapier bezogen. Fast alle Schüler konnten mitspielen. Unser Lehrer hatte viel Geduld mit uns. Nur manchmal wurde er böse - ich litt immer mit, wenn ein Junge sich bücken musste und einen Hieb mit dem Stock auf den Po kriegte. Warum eigentlich? Vielleicht hatte er keine Schularbeiten gemacht? Die Mädchen kriegten selten Strafen. Einmal kriegten wir alle einen "Streich" auf die ausgestreckte Hand. Da hatten Kinder von dem besten Apfelbaum des Lehrers verbotenerweise Äpfel geklaut, die Schuldigen sollten sich melden, was sie aber nicht taten, so mussten alle büßen. Das war mein einziger Schlag, den ich von meinem Lehrer bekam, und ich war nicht mal böse darüber.

Warum ich in Naturlehre eine 4 im Abschlusszeugnis bekam, weiß ich gar nicht. Mit Eifer legten wir zwischen zwei Löschblätter weiße Bohnen, angefeuchtet, und staunten, wie schnell sie keimten. Auch sammelten wir fleißig Kümmel vom Feldrand, Kamilleblüten und Sauerampfer, brachten Blätter von verschiedenen Bäumen mit und pflanzten in unserem Schulgarten (eine neue Erfindung der Partei) Gemüse an. Es wurde meist nicht viel draus. Zuhause hatte ja jeder einen Garten.

Unser Lehrer schrieb, wie ich im Zeugnis sehe, die alte "deutsche" Schrift. Wir übten aber Sütterlin-Schrift - oder hieß das anders? Wir versuchten es auch, mit einer dicken Feder und schwarzer Skriptal-Tinte die Kunstschrift zu erlernen.

1941 - ich war im 7. Schuljahr - wurde unser guter Lehrer plötzlich versetzt. Er war einfach weg - ohne Begründung. Wir waren ganz traurig. Der kalte Winter 1941 / 1942 kam. Keiner kümmerte sich um Kohlen für unseren großen Kachelofen, so blieb die Klasse kalt. Seitdem gab es keinen geregelten Schulunterricht. Die Gutstochter von nebenan übernahm (sicher war sie noch nicht fertig ausgebildet) die Vertretung, auch eine Junglehrerin aus dem Nachbardorf kam. Es war aber nicht mehr schön in der Kneiffer Schule. So schrieb ich meinem alten Lehrer und bat ihn, mir das Entlassungszeugnis zu schicken, damit ich meine Lehre beginnen konnte.

Als wir, meine Kinder und ich, nach 50 Jahren unsere Schule suchten, fanden wir nur noch alte Ziegelsteine, Büsche, eine kleine Maus erschreckte Inge. Dafür war der große Dorfteich noch da, wohl etwas zugewachsen, aber blühender Flieder und Riesen-Weidenbäume rundum. Mein Schulweg war zugewachsen, so dass wir querfeldein unseren Bauernhof suchten - wir fanden allerdings nur noch den Teich und Felder ohne Grenzen mit blühendem Unkraut und eine herrliche weite Aussicht über unser großes Instertal bis zum weiten Eichwalder Forst Wald.







Besuch 1993: der Kneifer Berg










Besuch 1993: Blick auf das Instertal




Gerne erinnere ich mich an unsere Sonntagsschule, die hielt Fräulein Annchen Bubigkeit auf Burchardsbrück ab. Das war ein großes Gut. Sonntagnachmittag waren viele Kinder da, hörten Geschichten, sangen mit Klavierbegleitung und spielten zusammen. Es gab ein Sommerfest, wo auch größere Kinder eingeladen waren, und eine Weihnachtsfeier. Das war besonders anheimelnd mit Kerzen, Tannenzweigen, Gedichte aufsagen, und am Schluss bekam jedes Kind eine bunte Tüte mit echtem, selbst gemachten Marzipan, Apfelsinen, Süßigkeiten. Das war toll. Ich marschierte eines Sonntags ganz alleine los.

Die Eltern hielten Mittagsschlaf. Die Nachbarkinder wollten nicht mit.

Also lief ich alleine los, circa 3 Kilometer, denke ich, waren es, unseren Berg runter, Straße entlang, durch das Dorf Skerdienen, dann war ich fast da. Das Gut lag direkt am Fluss, der Inster. Ich bekam in der Küche einen schmackhaften roten Pudding serviert.


In der Sonntagsschule, 1937 hinten Mitte meine Schwester Hertha (neben Fr. Bubigkeit),
vorne links in der ersten Reihe sitze ich

Die Berufsschule sollte ich bei meiner zweijährigen Lehre im elterlichen Betrieb auch besuchen. Ich entsinne mich aber nur, dass Mama neue Methoden aus ihrer Schulung mit brachte, zum Beispiel im Winter Soden vom Wintergetreide für die Hühner holen - helle Lampen im Stall - Rüben hoch hängen, damit die Hühner hüpfen mussten, um dran zu kommen (sportliche Hühner!). Auch ein Frühbeet mit Glas bedeckt wurde angelegt, darin vergruben wir vor der Flucht eine Zinkwanne mit gutem Geschirr! Ob die Russen das gefunden haben?

Die Landwirtschaftsschule in Flensburg im Winter 1947/1948 war für mich ein Glück. Ich war 20 Jahre alt. Es machte Freude, mit zwanzig jungen Mädchen zusammen zu lernen, zu diskutieren, das Wissen zu erweitern, auch Kultur - Theater, Konzerte - zu besuchen. Wir vertieften unsere Kenntnisse in Deutsch, Erdkunde, Nadelarbeit, Haushaltsführung, Kinderpflege und auch in Mathematik, wobei ich große Unterstützung bei den männlichen Lehrlingen auf Maasbüllhof hatte, - die mir bei den Rechenaufgaben halfen. Berichte und Aufsätze zu schreiben, fiel mir leichter, so dass mein Abschluss eines der besten war. Ich denke gerne an diese schöne Zeit auf Maasbüllhof und in Flensburg.








20 Jahre später - 1966, ich war gerade 39 Jahre - besuchte ich wieder eine Schule. Die Volkshochschule bot Kurse in Englisch an. Das interessierte mich sehr, zumal ich mit Jürgen lernen konnte, der in der Oberschule angefangen hatte und beim Abhören der Vokabeln meine falsche Aussprache "rügte". Zunächst war ich doch ziemlich bange, vor allen "Mitschülern", die zum Teil viel jünger waren (aber ältere gab es auch), Englisch zu sprechen. Wir übten aber oft zunächst gemeinsam. Und es machte auch Spaß. Mit der Zeit kam die Selbstsicherheit. Ich verstehe - bei langsamer Aussprache - ein wenig Englisch, aber zu sprechen, traue ich mich selten. Bei kritischen Zuhörern (beide Kinder) immerhin konnte ich in Österreich Engländern den Weg in "Englisch" erklären!

Mit 66 Jahren ging ich noch einmal zum Unterricht. Russisch. Jürgen machte mit. Wir wollten meinen Geburtsort - Ostpreußen -besuchen, das jetzt zu Russland gehört. Wenigstens ein wenig wollten wir von der Sprache verstehen. In dem Kurs gab es viele ältere Menschen, unter anderem unseren Pastor Edelhoff. Viele wollten mal nach Russland reisen. Aber Russisch ist eine schwere Sprache, zumal die Buchstaben ganz anders geschrieben werden. Doch auch diese Stunden waren

interessant, nur, viel mehr als - "Spasiba" -danke - "dobre" - gut - "Wodka" - Wässerchen - ist nicht haften geblieben. Lustig war's, wir wohnten in Litauen, da wollte auf einmal niemand Russisch sprechen oder verstehen, obwohl 40 Jahre Russisch Pflicht war. Und die UDSSR regierte.







An dem einen Tag unserer Reise in Russland hatten wir keine Gelegenheit, die Sprache anzuwenden, außer - ein junger Soldat an der Grenze - ich bat ihn, mit mir auf ein Foto zu kommen. Er tat es auch, konnte aber besser Deutsch reden als ich Russisch! Sehr freundlich und höflich war er.


Das waren meine Erlebnisse aus meinen Schulzeiten. Gerne hätte ich noch mehr gelernt. Eine Uni zu besuchen - dieser Traum fiel mir ein, als Jürgen mir seine Uni in Wuppertal zeigte.



Erinnerungen aus mehr als 70 Jahren. Ich hoffe, meine Kinder und Bekannten lesen genau so gerne darin wie ich.


Witten, im Januar 2006
Lydia Rogall geb. Prusseit

Quelle: © 2006 Lydia Rogall geb. Prusseit (Text und Bilder übernommen aus Originalmanuskript)
Veröffentlicht: "Memel-Jahrbuch 2007" Seite 104 ff - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz

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Kneiffen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 25.11.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 11. Februar 2011