Erste Reise nach Ostpreußen:
"Halbherzig geöffnetes Ostpreußen"
Ein Reisebericht von Beate Volkerding

Sonntag, 5. Mai 1991

Um 17.45 h durchstößt das Flugzeug die Wolkenwand und gibt den Blick auf das Kurische Haff frei. Auch ein Stück der Kurischen Nehrung bis zum Dorf Sarkau im Sperrgebiet zeichnet sich am Horizont ab. Einige Frauen stimmen "Land der dunklen Wälder", die ostpreußische Hymne, an und singen zur Begrüßung der Heimat alle vier Strophen. Die Heimat gibt sich übrigens getreu ihrem Namen: kalt und regnerisch. Sicher landet das aus Riga kommende Flugzeug in Powunden/Chabrowo, rollt jedoch nicht zu den Flughafengebäuden, sondern hält am Zaun. Später werde ich erfahren, daß ich tatsächlich Teilnehmer eines historischen Fluges bin. Das sich gegen die Öffnung Königsbergs wehrende Militär droht nach dem 9. Mai, dem wichtigsten Feiertag der Sowjetunion nach dem 7. November, den Flughafen zu vernebeln, sollte noch ein Flugzeug auf ihm landen wollen, das die Deutschen an Bord hat. Die müssen wieder landen in Memel/Klaipeda oder WiIna/W/iInius oder gar in Minsk und dann die beschwerliche Busreise von dort aus nach Königsberg antreten. Wir aber sind Königsberg ganz nah. Ob die Nachwersche wohl am Zaunche kommt? Da steht tatsächlich eine Familie, doch sie wartet vergeblich auf einen Herrn aus Deutschland. Zu kümmern brauchen wir uns um gar nichts, weil eine deutsche Reiseleiterin, eine russische Reiseleiterin, eine Dolmetscherin und zig Kofferträger alles richten: die ins Hotel Tourist und die nach Memel in den blauen Bus, die nach Rauschen in den roten.

Wir nach Rauschen sind nur sieben und verteilen uns weit auseinander in dem riesigen Fahrzeug. Nur nicht zu nahe sitzen, jetzt könnten Gefühle hochkommen. Lida, die Dolmetscherin, beginnt gleich mit Erklärungen. Sie könnte auch schweigen, wir haben Augen zu sehen. Kurvenreich geht es auf schlechten Straßen nach Laptau/Muromskoe, und weil der Bus langsam fahren muß, können wir sie in Ruhe angucken, die Heimat. Sorgenvoll, ängstlich, wehmütig? Der Landschaft ist alles recht, und sie zeigt sich , wie sie immer war, zarter Frühling in Regenlandschaft, weite, Felder, immer noch, sattes Wiesengrün, auch Steppe, dunkelbraune und schwarze Erde. In Cranzbeek biegen wir nach links ab. Machovoe hat keinen deutschen Namen auf der zweisprachigen Karte, dafür viele Häuser aus der deutschen Zeit und Störche. Majestätisch richten sie sich auf in ihrem Horst und blicken in die Weite. Ja, eigentlich ist alles noch da: Sumpfige Wiesen, Buschwindröschenteppiche in den Hainen, Alleen mit über hundertjährigen Bäumen, Endmoränenhügel. Lida sagt, daß pro Monat 30 bis 40 Familien von Wolgadeutschen hier auf dem Land angesiedelt werden. Viele Neubauten weisen darauf hin, daß sie recht haben könnte. In Pobethen lenkt sie geschickt die Aufmerksamkeit nach links, damit wir rechts die zerstörte Kirche nicht sehen sollen. Ihr Anblick schmerzt, der erste Stich. Liebliches Dorfidyll am rauschenden Bach verwischt jedoch den flüchtigen Eindruck. Nun der Bahnübergang nach Neukuhren. Links vom Bahnwärterhäuschen drei gepflegte Blumenbeete, da kommt österreichische Gemütlichkeit aus der k. u. k. Zeit auf.

Schließlich Rauschen/Svetlogorsk, Bahnstation I (Rauschen - Ort), bald danach der Mühlenteich, dann das Hotel Wolna, die Welle, keins aus der deutschen Zeit und sozialistisch heruntergewirtschaftet. In der Empfangshalle an der Rezeption liegt der Zettel für mich - anrufen in Königsberg bei Lydias Nachbarin. Doch die ist nicht da. Nach dem Abendessen probieren wir es wieder. Kein Anschluß. Und plötzlich höre ich in den russischen Sätzen meinen Namen heraus. Lydia und ihre Tochter Irina stehen neben mir. Wir umarmen uns und schauen uns an. Mein Brief, der deutschen Reiseleitung des ersten Fluges mit der Bitte mitgegeben, ihn zu frankieren und möglichst in Königsberg einzustecken, ist natürlich nicht angekommen. Deshalb konnte Lydia nicht wissen, daß die Reise vom 4. auf den 5. Mai verschoben wurde. Seit gestern fiebert sie schon unserer Begegnung entgegen, aber außer der Auskunft, daß wir erwartet werden, heute oder morgen oder überhaupt, konnte sie nichts in Erfahrung bringen. Die Dame an der Rezeption will wissen, woher wir uns kennen. Lydia, die die Deutschen oder Deutschstämmigen in Königsberg Lilli nennen, erläutert ihr, wir würden einander riechen. Noch kämen ja nicht sehr viele, weil Königsberg erst zum 1. 1. 1991 nach fast 46 Jahren geöffnet wurde. Bevor ich mich besinne, ist alles arrangiert. Ich bleibe nicht im Wolna. Wir fahren nach Königsberg, da werde ich erwartet.

Lilli und Irina schleppen mein Gepäck zum Auto. Wassili, geschiedener Mann und Vater , hat vor dem Hotel gewartet. In der regnerischen Dunkelheit sehen wir kaum die Hand vor Augen. Deshalb faßt Lilli meinen Arm, damit wir nicht stolpern. Über holperige Wege fahren wir im Lada die Strecke Rauschen - Königsberg. Dafür habe ich aber gar kein Auge, denn wir müssen einfach reden. Wer ist nun eigentlich Lydia? Ihre Eltern Karl und Margarete Nowas aus Soldahnen im Krs. Johannisburg, heute polnisches Ostpreußen, lernten sich kennen, als der Vater 1914 in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Sie heirateten noch 1917 in Wolga und zogen erst nach der Entlassung des Vaters nach Ostpreußen. Die weißrussische Zugehörigkeit wurde der Mutter 1945 in Wernigerode zum Verhängnis. Nachdem der Vater gestorben war, nahmen die russischen Besatzer die Mutter gefangen und wollten sie mit Lydias älterer Schwester nach Sibirien verbannen. Während des Transportes erkrankte die Mutter lebensgefährlich, und weil die russischen Begleiter bei ihr eine ansteckende Krankheit vermuteten, ließen sie sie mit der Tochter Hilde wegen Seuchengefahr in einem Lager bei Grodno zurück. Von dort schrieb die Mutter nach Wernigerode, und Lydia machte sich auf den Weg, um sie 1947 wieder nach Deutschland zu holen. In Grodno angekommen, nahmen ihr die Russen den Paß weg und ließen sie nicht mehr ausreisen. Alle drei waren nun obdachlos und mußten hungern. In einem Ziegenstall richtete die Mutter für sie eine Unterkunft ein und ging betteln. Die ältere Hilde suchte Arbeit in einem Magazin. Dort geriet sie an einen korrupten Vorarbeiter, der sie und drei andere Frauen des Warendiebstahls bezichtigte. Pro fehlendem Tausender wurde Hilde zu einer einjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, insgesamt 5 1/2 Jahre. So gedemütigt und erneut von der Verbannung nach Sibirien bedroht, nahmen die Mutter und beide Töchter nach Hildes Freilassung die russischen Pässe an und bemühten sich, 1954 nach Kaliningrad umzusiedeln. Dort verstarb die Mutter 1963. Hildegard und Lydia leben noch heute dort, Lydia allerdings mit zahlreichen Unterbrechungen durch die Versetzung ihres Mannes Wassili, einem Rote-Armee-Offizier, u. a. in Insterburg und auch in der DDR. Im vergangenen Sommer fiel mir Lydias Adresse in die Hände. Im November 1990 erhielt ich ihren Antwortbrief, so daß eine rege Korrespondenz entstand. Ich wollte den Fernsehberrichten nicht glauben, daß es im heutigen Kaliningrad keine Deutschen mehr gibt. Ein paar wenige habe ich denn auch gefunden. Wer Lydia und ihre Familie nun aber wirklich ist, das weiß ich nicht. Werde ich jetzt vom KGB beschattet?

Ich bin ein skeptischer Mensch. Vorsicht ist auf jeden Fall angebracht. Aber alle drei sind so nett und herzlich, daß ich mich heute mit diesen Gedanken nicht mehr herumplagen will. Sei' s drum. Wir sprechen deutsch, mit Wassili mit Händen und Füßen, denn sein Aufenthalt in der DDR war ghettohaft. Die Sprache nahm er dabei nicht an. Irgendwie verstehe ich schon, wenn er sagt "Beat". Ich selber spreche ja auch nur ein Wort russisch: spassiba, danke.

Während des Gesprächs kommt es mir immer unwirklicher vor, daß ich, die mit den gekappten Wurzeln aus Hartenstein, Krs. Angerburg, heute Polen, jetzt und hier neben Lydia, die mit den gekappten Wurzeln aus Soldahnen, Krs. Johannisburg, nachgewiesen durch ihre Geburtsurkunde, heute auch Polen, in Königsberg, heute Sowjetunion, sitze. Der große und wesentliche Unterschied zwischen uns beiden besteht darin, daß Lydia sich jahrzehntelang nicht zu ihrer deutschen Nationalität bekennen durfte, wenn sie nicht als Faschistin betitelt und dementsprechend behandelt werden wollte. Im Laufe der Woche werde ich es als störend empfinden, immer wieder das Deutschnationale betont zu hören, doch nur ganz vorsichtig versuche ich Lydia zu erklären, warum es meiner Meinung nach besser sei, dafür zu arbeiten, die Grenzen verschwinden zu lassen. Diejenigen, die sich als die echten Deutschen bezeichnen, als die Ureinwohner, gewissermaßen, erheben sich über die Deutschen oder Deutschstämmige die sich als Wolgadeutsche bezeichnen und aus Sibirien hierher umsiedeln. Da kommt Zwietracht auf, die die Deutschsprachigen bei ihrer Aufbauarbeit im Königsberger Gebiet augenblicklich am allerwenigsten gebrauchen können. So führen wir gleich am ersten Abend ganz ungewollt ein hochpolitisches Gespräch, das ich nur dadurch beenden kann, indem ich mir Lydias Zuhause ansehe.

Trotz Scheidung lebt sie mit Mann und Tochter in der gemeinsamen Zweizimmerwohnung mit Küche, Toilette und einem winzigen Bad in der ulica Gaidara Nr. 47, 4. Stock, Wohnung Nr. 10. Gaidara war schon mit 16 Jahren General und einer der größten Helden der Sowjetunion. Ehrfurchtslos suche ich auf dem Stadtplan trotzdem heraus, wie die Straße früher geheißen haben könnte. Vielleicht war es der Rudauer Weg. Zu identifizieren ist der Wirrgraben, dahinter die Bahnanlagen in Richtung Rauschen. Weil wir über Mittelhufen von hintenherum an den Wohnblock heranfuhren, sah ich weder den Nordbahnhof, noch den Pregel, weder Wallanlagen noch aus roten Ziegelsteinen erbaute bedeutende Gebäude, die mir hätten Zeichen sein können. Ich trete ans Fenster und atme tief den Duft der Bäume. Das wird bleiben: Maiduft am Wirrgraben. Der Tisch ist reich gedeckt. Wie machen sie das nur? Wassili, nach dem Ausscheiden aus der Armee als Fahrlehrer tätig, verdient monatlich etwa 200 Rubel, Lydia als Rentnerin der Eingangsstufe erhält 38, Irina, wenn sie gute Noten in der Universität erzielt, ein monatliches Stipendium von etwa 40 Rubel. Zusammen haben sie also knapp 300 Rubel. Als ich im Flugzeug DM 20 umtauschte, erhielt ich 320 Rubel. Um den Schwarzmarkt kaputtzumachen, zahlt die Bank den deutschen Einreisenden für 1 Mark jetzt nicht wie früher 3 1/2 Rubel, sondern 160. Ich habe also mit meinen 20 Mark soviel wie die drei im Monat zusammen. 1 kg Fleisch kostet je nach Fettgehalt zwischen 18 und 35 Rubel. Wie also leben die Menschen hier bei diesen Preisen? Lydia hat eine ganze Gurke aufgeschnitten. Ich traue mich nicht, davon zu essen. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken, was sie dafür bezahlt hat. Ich nehme etwas von dem selbstgemachten Schnaps, damit wir auf unser Kennenlernen anstoßen können.


Montag, 6. Mai

Lydia hat eine Benachrichtigung für ein Paket bekommen, das sie von der Post abholen muß. Sie vermutet, daß es von mir sein könnte, wie ich es in zwei Briefen angekündigt habe. So machen wir uns auf den Weg. Anfangs erkenne ich die Samlandstraße, doch bald hilft der Stadtplan nicht mehr weiter. Die Häuser aus deutscher Zeit sind in Vorderhufen mühelos zu identifizieren. Dies könnte die Landesbaugenossenschaft gewesen sein. Dann wären wir jetzt im Musikerviertel, Bach-, Mozart-, Beethoven-, Haydn-, Weberstraße. Die Häuser sehen trotzdem nicht heimatlich aus, denn auf ihnen liegt der Schatten einer schlimmen Vergangenheit und Gegenwart. Bedrückt betrete ich die riesige Halle mit den drei Abfertigungsplätzen, wo auf allem der Hauch von Verkommenheit liegt. Als Lydia sich anstellt, betrachte ich die Frauen am Schalter. Eine hübsche junge ist dabei, grell geschminkt (Lippenstifte als Statussymbole!) und recht beschwingt, die anderen vier sehen müde und beladen aus. Unfreundlich erklärt die eine Lydia, daß sie die Rückseite der Karte ausfüllen und drei Rubel 90 Kopeken bezahlen muß. Dann stellt Lydia sich wieder an und hat Glück, weil die Schlange nur aus drei Personen besteht. Endlich rollt ein Postsack auf dem Förderband heran. Die unfreundliche Schalterbeamtin öffnet ihn und reicht Lydia das zerknautschte Paket, worin ich meins nicht erkennen kann. Doch die Papiere weisen es als das von mir am 6. März abgeschickte aus. Alles, was ich auf geschrieben habe, ist enthalten. Es fehlen die Osterkarte, eine Fotographie von sorbischen Ostereiern, und das zusätzliche Inhaltsverzeichnis. Also ist das Paket geöffnet worden. Warum auch nicht? Es war schließlich zwei Monate laut Poststempeln über Nürnberg und Odessa unterwegs. Der Direktflug von Hamburg nach Königsberg würde eine Stunde dauern. Ein Paket, das durchaus verderbliche Lebensmittel enthält, braucht für die Strecke zwei Monate.

Da Wassili inzwischen von der Arbeit gekommen ist, die er meinetwegen vorzeitig beendet hat, steigen wir wieder in den Lada und machen uns auf, Spuren zu suchen. Zuerst müssen wir heraus aus der Stadt, dabei sehe ich die Domruine, die Börse, den Pregel und Tore. Ach ja! Zuviel ist schon über erste Eindrücke in Königsberg geschrieben worden. Meine Gefühle sind nicht anders. Deshalb kann ich dieses Thema übergehen. Erst morgen will ich genauer gucken. An der Ausfallstraße nach Insterburg/Cernjachovsk hält uns die Miliz an. Mein Herz hämmert. Schnell falte ich die zweisprachige Karte zusammen und setze mich darauf. Nur kein Wort sprechen! Gleich wird es sich entscheiden, doch ich kann aufatmen. Die Polizisten kontrollieren nur Wassilis Papiere und lassen uns passieren. Trotzdem hämmert auch mein Kopf. Ich habe weder Paß noch Visum, weil beide im Hotel Wolna zurückgeblieben sind, und mache mich in verbotenes Gebiet auf. Bis Ul'janowo bleibt dies erfreulicherweise die einzige Kontrolle. Wassili fährt gut, muß nur hin und wieder Zwangspausen einlegen, um Kühlwasser nachzugießen. In Tapiau erfolgt die erste. So kann ich an der Deime den stillen Angler betrachten und mir Gedanken über die Ordensstadt machen.

Als der Orden 1262 das alte Sugurbi, die Festung der Pruzzen, eingenommen hatte, errichtete er auf ihren Grundmauern auf dem Schloßberg am Ufer des Pregels die Burg, in der beinahe alle Hochmeister des Ordens weilten und sein letzter, zugleich erster Herzog von Preußen, 1568 starb. Auf den Mauern der Vorburg der ehemaligen Wasserburg wurde in neuerer Zeit eine Besserungsanstalt errichtet, die noch heute als Gefängnis dient. Gern würde ich Lovis Corinths Geburtshaus und sein weltberühmtes Golgatha-Bild in der Dorfkirche suchen. Doch deutsche Maler sind in diesem Gebiet nicht mehr gefragt. In der Umgebung Tapiaus entlang der Deime oder über die Pregelwiesen würde ich zum Sanditter Wald gelangen, wo Elche hausen und seltene Reiherhorste in urwüchsiger Pracht zu finden wären. Aber auszusteigen traue ich mich nicht. Die Pregelwiesen sind ein einziger Sumpf, aus denen kein Weg zum Wald führt. Wie schmal der Pregel hier ist! Er begleitet uns bis Insterburg, schlängelt sich bis an die Chaussee heran, verschwindet ganz in den süffigen Wiesen, wird eingebettet von knorrigen Weiden, verliert sich hinter Wäldchen und plätschert an kleine Ufer.

Bald hinter Tapiau trifft mich der zweite Stich ganz unvermutet. Da liegen die abgehauenen Chausseebäume. Auf der Rückfahrt zähle ich 120. Sie schickten sich gerade an zu grünen, bald werden sie tot sein, auch sie aus deutscher Zeit, mehr als 100 Jahre alt und Sinnbild ostpreußischer Alleen. Umweltschutz, Baumschutz, wofür? Rechts und links in den Wäldern wächst alles, wie es kann. Da kümmert sich niemand, auch kein Förster. Nach Norkitten und Gr. Bubainen erreichen wir Insterburg, die einstige Tunierstadt des Ostens mit der einst schwersten und besten Kampfbahn Deutschlands. Die Lutherkirche am Alten Markt, 1610 bis 1612 erbaut, steht noch. Ihr Turm hat sogar ein neues Kupferdach erhalten. Doch als ich mir Zutritt zu beschaffen versuche, stoße ich überall auf einen hohen Bretterzaun. Lydia vermutet, daß sie immer noch als Lagerhalle verwendet wird. Wir betreten ein Kaufhaus, damit ich die russische Wirtschaft kennenlerne. Eine Schlange von etwa einhundert Menschen wartet auf Schampoo, das es seit Monaten nicht mehr gegeben hat. Wir sehen nach den Auslagen, Blusen und Pullover für 160, 170 Rubel (bei einem durchschnittlichen Monatgehalt von 200 Rubel), Damenstrumpfhosen und Herrensocken nur für Verdiente des Zweiten Weltkriegs, den Helden der Sowjetunion. Als ein Mann fragt, was denn die anderen tragen sollen, antwortet die Verkäuferin höhnisch, sie sollen doch barfuß gehen. Hohn ist eigentlich die Waffe der Besiegten. Da kenne sich einer aus. Oder ist es auch hier so, daß die Verkäuferinnen sich heimlich hinter den Ladentischen bedienen und deshalb die wirkliche Not nicht kennen. Schieberwirtschaft nennt Lydia dieses System. Weil ihre Marken nur für Königsberg gelten, kann sie hier kein Waschpulver und keine Seife kaufen. Sie nimmt ein paar Knöpfe, dann gehen wir.

Das Auto ist jetzt funktionstüchtig bis Ul'janowo. Vorbei an der Georgenburg, 1336 als "Haus Insterburg" vom Orden begründet und standhaft gegen den litauischen Großfürsten Kynstut, Polen, Tataren, Schweden, Russen , Franzosen und wieder Russen bis ins zwanzigste Jahrhundert verteidigt, biegen wir ins Instertal ein. Insterburg hat wahrhaft eine kriegerische Geschichte, doch seine größte Tochter ist das von Simon Dach besungene Ännchen von Tharau, die hier 1689 in der Pregelstraße 17 starb. Diese Melodie zum Gedenken summend, überrede ich Wassili, einmal die Burg, wenn möglich, zu umfahren, damit ich einen Blick von dem auch heute noch sehr stattlichen Gestüt erhasche. Dann habe ich nur noch Augen für die herrliche Landschaft des Insterurstromtales zwischen beidseitigen Endmoränenhügeln, leuchtenden Sumpfdotterblumen aufgrünen Wiesen und zartem Laub an alten Weiden. Wo aber gibt es hier Getreidefelder? In Neunischken/Neunassau spottet Wassili. Das Dorf hieße jetzt Privol'noe. Das habe etwas mit Freiheit zu tun, Freiheit für ein dreckiges Dorf. So sei das in Rußland, niemand störe sich daran und käme etwa auf die Idee, Hand anzulegen und den Dreck zu beseitigen.

Schließlich erreichen wir Ul'janowo - Kraupischken/Breitenstein. Von ferne entdecke ich die Kirchenruine und leite Wassili dorthin. Wir handeln, wie abgesprochen: Wassili klappt die Haube auf und beschäftigt sich mit dem Auto, Lydia und ich schleichen zum Friedhof. Wassili erzählt uns später, daß ein Junge uns hat schleichen sehen und seine Mutter holte. Freundlich sprach sie mit einem Mann nicht über uns, doch Lydia und ich waren schon geschickt in der Kirchenruine verschwunden. Geschafft! Wir atmen gut durch und machen uns an die Arbeit. Hier auf diesem Friedhof liegen meine Großeltern Kristups Kaukoratis, später Christoph Kauker, schließlich Christoph Kaukars , † 1927, und Emilie Amalie Heidler, † 1913, begraben. Natürlich finde ich ihre Gräber nicht mehr. Aber ein Grabstein gibt noch einen Namen preis: von Schimmelpfennig. Ja, adelig war es hier einmal in dieser Gegend.

Da gab es das Gut Breitenstein, Graudszen, Raudonatschen (Baron von Sanden) und viele andere mehr. Zu meinen Gedanken klappern die Störche in ihren Horsten auf der Turmruine und den danebenstehenden großen Bäumen. Wir kriechen zum Turm, betreten die Reste des einst stattlichen Kirchenschiffes. Hier wurden meine Großeltern getraut, mein Vater und seine Geschwister konfirmiert. Wenn sie zum Konfirmandenunterricht aufbrachen, gingen sie von Kraupischkehmen/ Insterhöhe barfuß, um die Schuhe zu schonen. Kurz vor der Kirche säuberten sie die Füße und betraten dann das Pfarrhaus, heute Sowchoseverwaltung. Ach ja, damals, als der Peschel (Ernst), der Piepel (Franz), der Link (Emil) und Bester (Albert) noch auf dem Kiesweg nach Hause stürmten. Also ihnen nach! Nur wo? Vielleicht fahren wir doch zuerst über die Chaussee nach Ragnit dorthin.


Von Perbangen, dem Nachbardorf finden wir nur noch zwei an der Straße stehende Häuser, aber keinen Weg nach Kraupischkehmen. Also zurück und doch an den Resten des Gutes Breitenstein vorbei, den Kiesweg entlang. Wir fahren bis der Weg nur noch aus mit Wasser gefüllten Schlaglöchern besteht. Dann stürme ich los, Lydia kommt hinterher, Wassili bleibt beim Auto. Und ich finde sie, ich finde die Almoniß tatsächlich. Lustig plätschert ihr Wasser zur Inster hin. Auch die Brücke ist noch da. Vergnügt spucke ich von ihr ins Wasser. Zu Hause habe ich nämlich erzählt, ich würde über das Wasser wieder nach Hamburg zurückkommen: von der Medenuppis, gleich beim Kaukarsschen Hof, zur Almoniß bis zur Inster, in Insterburg abbiegen in den Pregel, hinter Königsberg durch das Haff und den Kanal bis Pillau, dann in die Ostsee, schließlich immer weiter nach Westen. Wir laufen an den Ufern der Almoniß entlang, damit wir sie in die Inster münden sehen können. Doch die sumpfigen Insterwiesen heißen uns wegen ungeeignetem Schuhwerks umkehren. Links des Kiesweges wird es hügelig, da versinken wir nicht im Schlamm. Nun heißt es, sich anhand der Handzeichnung von Onkel Franz, aufgezeichnet in den sechziger Jahren, auf endlosen Wiesen zu orientieren. Als wir auf dem Hügel stehen, erkennen wir deutlich die durch Bäume und Sträucher gekennzeichnete Lage der ehemaligen Gehöfte. Aber nirgendwo sind Fundamente zu finden, nur Wiesen, Wiesen, Wiesen. Um den Kaukarsschen Hof finden zu können, hatte der Onkel in der Zeichnung "zwei markante Bäume" vermerkt. Was auch immer "markant" bedeuten sollte, so vermute ich, daß es sich um alte Bäume gehandelt haben könnte - die wenigstens müßten doch zu finden sein. Aber auch die lassen sich nicht aufspüren. Nur der Weg, der bei Enseleits direkt an der Almoniß vorbeiführte, ist als solcher zu erkennen, aber auch er so sumpfig, daß ich ihn anfangs für die Medenuppis hielt. So stehe ich auf dem Hügel und bilde mir ein, daß die Bäume dort hinten einst auf den Kaukarsschen Hof gehört hätten. Lydia drängelt zum Aufbruch, weil es bald dunkeln wird und der Wagen nur ganz schwach zu beleuchten ist. Auf dem Rückmarsch erkenne ich dann doch ein Fundament. Dort, wo Onkel Franz neben dem Enseleitschen Grundstück den Friedhof eingezeichnet hat, sind deutlich die Grundrisse eines Hauses zu erkennen, dessen Grundmauern aus unbehauenen Feldsteinen gebildet wurden. Sie fotografiere ich als Symbol der Vergänglichkeit.

Und das nehme ich aus Kraupischkehmen mit: Wiesenduft-rotkehlchengesang, Heimat ist wie Vogelsang, und das friedliche Bild des Instertals. Wir kehren zurück ins Kirchspieldorf, schweigsam und betroffen. In der Tasche habe ich das Bild des Sowchoseleiters und des Schuldirektors, das Herr Metschulat im Sommer 1990 aufnahm. Wir könnten jetzt zu ihnen gehen und die Grüße aus Deutschland überbringen, - doch ich lasse den Kopf hängen. Mir ist gar nicht danach, freundlich mit Menschen zu sprechen, die in dieser verkommenen Welt leben. War es wirklich nur der Krieg, der uns die Menschen, das Land und die Wurzeln nahm, oder haben nicht auch die hier jetzt Lebenden Verantwortung dafür zu tragen, daß ganze Dörfer einfach verschwanden? Als die Deutschen ihre Häuser in Panik verließen, und in dieser Gegend taten sie es schon im Oktober/November 1944, blieben die Wohnungseinrichtungen zurück. Wo ist das Inventar, warum ist alles vernichtet? Muß der Friedhof wirklich so aussehen, wie ich ihn vorgefunden habe, oder schlimmer noch wie in Königsberg, auf dessen Gelände die heutigen Kaliningrader ihren Vergnügungen auf dem Jahrmarkt nachgehen? Ich könnte heulen angesichts der rohen Gewalt der Rächer, die dem Wissenden das ganze Ausmaß der Vernichtung und des menschlichen Wahns in dieser Landschaft vor Augen führt. Um meine Erschütterung nicht zu sehr zu zeigen, stimme ich mein Trostlied eines israelischen Liederdichters an "Freunde, daß der Mandelzweig wieder Blüten treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, daß die Liebe bleibt". Ja, viele Menschen nahm der Krieg und die Kraupischkehmener Welt verging, doch der Apfelbaum auf dem ehemaligen Grundstück einer deutschen Familie gleich links hinter der Almonißbrücke treibt tatsächlich Blüten in Fülle. Ob die Früchte auch noch jemand erntet?

Lydia holt mich zurück in die Gegenwart. Sie will versuchen, im Dorfladen etwas einzukaufen. Ihr Denken und Trachten muß immer ausgerichtet sein auf die Beschaffung von Nahrungsmittel. Da bleibt keine Zeit für lange gedankliche Spaziergänge und historische Betrachtungen. In den Regalen des Dorfladens stehen ein paar Gläser mit eingelegter rote Beete. Darunter liegt Brot, und dann gibt es Wurst. Das ist alles, und weil Lydia für die Wurst keine Lebensmittelmarken benötigt, kauft sie etwa 1 1/2 Pfund für 18 Rubel 50 Kopeken.

Das Picknick machen wir im Wald auf der Strecke nach Szillen, wohin ich Wassili zu fahren bat, damit ich denn von Großmuttern überhaupt noch etwas Heiles aus ihrer Vergangenheit fände. Der Weg dorthin ist mühsam. Zwar wurde zu seiner Ausbesserung am rechten Straßenrand kilometerweise Kies hingeschüttet, aber plattfahren müssen ihn die hier zufällig vorbeikommenden Wagen. Wassili fährt angespannt. Hoffentlich passiert in dieser verlassenen Gegend nichts. Bald aber achte ich nicht mehr auf den Weg und gebe meinen Gedanken über das Ende des Heimatdorfes meiner Vorfahren Raum. Als im November 1944 der erste Treck aus Kraupischkehmen zusammengestellt wurde, verließen alle Steputats, Kuhnkes und Gerda Czunzeleit mit ihrem Sohn Dietmar noch unbeschadet das Dorf und gelangten sicher in den Westen. Andere Familien hatten die Frauen und Kinder schon zu Verwandten im westlichen Ostpreußen evakuieren lassen. Die restlichen Kraupischkehmener brachen in einem zweiten Treck auf, doch da war es für eine Flucht schon zu spät. Von allen Seiten brachen die russischen Soldaten hervor und führten die Flüchtenden in die Gefangenschaft. So erging es auch diesem Treck. Ihr Leiter, Erich Schmoll, wies die Wagen an, stehen zubleiben und zu warten, bis er erkundet habe, ob es außer diesem von fliehenden Menschen verstopften Weg noch eine andere Möglichkeit zur Flucht gäbe. Auf seinen Spazierstock gestützt, schritt er rüstig voran, verlor aber wegen des Schneetreibens seinen Treck bald aus den Augen. Da brachen die Russen durch, schnitten den Treck ab und verschleppten die Menschen nach Sibirien. Unter ihnen befand sich auch Vaters Schwester Emmi Gernhuber mit ihrem Mann Emil und dem zwölfjährigen Sohn Hans, von denen wir nie wieder etwas hörten. Ich beschließe, doch noch einmal an das Rote Kreuz in Münchens Suchdienst zu schreiben und nach meinem Cousin fragen zu lassen. Vielleicht hat er überlebt und haust noch in Kasachstan oder sonstwo in Sibirien. Von ,den ehemaligen Kraupischkehmener haben nur wenige überlebt. Sie treffen sich manchmal noch , wenn auch die anderen Vertriebenen aus dem Kirchspiel Breitenstein zusammenkommen.

Inzwischen haben wir Szillen erreicht. Der Abend wiegt schon die Erde, doch mein Abendfriede wird durch den Anblick der zerstörten Kirche verletzt. Nun will ich kein Dorf mehr, sondern nur noch friedliche Landschaft. So treten wir den beschwerlichen Rückweg nach Königsberg an. Rechts neben uns auf der Wiese hinter dem Ortsausgang watet der Storch durch den Sumpf auf der Suche nach dem Pog. Ich würde ihm gern länger bei seiner reichhaltigen Abendmahlzeit zusehen, doch wir müssen wirklich fahren, über Jagsten erreichen wir die Hauptstraße Tilsit - Königsberg und fahren ruhig und ohne Ereignisse vorbei an Kreuzingen, Gr. Scherrau, Taplaken und Petersdorf. Wie gut, daß Vater und der verehrte Onkel Franz aus Berlin nicht mehr erleben mußten, was mit ihrem Dorf geschah. Aber was soll ich der Schwägerin besagten Onkels erzählen? Lohnt es sich wirklich, hierher zu kommen in die Einöde? Ich bin sehr unsicher. Natürlich nimmt die Landschaft den Betrachter augenblicklich gefangen, natürlich ist Maienzeit auch hier von eigentümlicher, ursprünglicher Schönheit, aber lohnt es sich wirklich, den jetzigen Eindruck mit nach Hause zu nehmen? Darüber sollte jeder lange nachdenken.

Der schwere Unfall auf der Pregelbrücke vor Tapiau schreckt mich aus den Gedanken. Zwei Lastwagen sind ineinander verkeilt und haben das Brückengeländer eingerissen. Nun heißt es umkehren und Tapiau in großem Bogen über Wehlau zu umfahren. Die Dunkelheit bricht herein, halbblind rollen wir weiter, bis es zweimal wirklich gefährlich wird. Was habe ich diesen beiden Menschen nur zugemutet? Von sich aus hätten sie eine solche Fahrt niemals unternommen. Erleichtert atme ich auf, als wir Königsberg erreichen. Erschöpft gehe ich zur Ruhe, aber der Schlaf will sich nicht einstellen. Am nächsten Tag stehe ich zerschlagen und traurig auf, um an der Königsberger Domruine eine neue Wunde zu empfangen.

Autor: © 1991 Beate Volkerding (Text und Bilder)
Quelle: Persönliches Reiseprotokoll aus dem Jahre 1991

"Die Heimat im Herzen" - Nachruf für Beate Volkerding
Vorwort Ksp. Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 27.07.2004
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 1. Februar 2011