Flucht aus Ostpreußen
1943 - 1952
Kindheitserinnerungen von Erika Gaitsch
Geschrieben Frühjahr 1999

Inhalt:






Schule und Hitlerzeit

Mein Elternhaus, in dem ich 1936 geboren wurde, stand in Schanzenkrug, Kreis Tilsit, Ostpreußen. Ich lebte dort mit meiner Mutter und meinen Geschwistern bis zu unserer Vertreibung. Soweit ich mich zurückerinnere, war mein Vater nicht bei uns. Er war als Soldat im Krieg und besuchte uns nur manchmal.
Die Schule, die für uns zuständig war, befand sich in Weidenau, dem Nachbardorf, etwa eineinhalb Kilometer von unserem Haus entfernt. Dort wurde ich im Frühjahr 1943 eingeschult.
Das Gebäude der Dorfschule hatte zwei Klassenzimmer und darüber befand sich die Lehrerwohnung. In einem der Klassenzimmer wurden die Schüler der Schuljahrgänge 1- 4 unterrichtet, im anderen sollten die großen Schüler von Klasse 5 - 8 etwas lernen. Da in einem Raum Kinder unterschiedlichen Alters unterrichtet wurden waren ganz vorne im Schulraum die Bänke klein und weiter nach hinten wurden sie immer größer.

Ein Schulalltag lief zum Beispiel folgendermaßen ab: Während ganz vorne die Allerkleinsten auf ihrer Schiefertafel i,i,i,i, kratzten, übten die Kinder in der Mitte das kleine Einmaleins, indem sie es gemeinsam im Chor herunterleierten. Die Schüler ganz hinten sollten inzwischen einen Abschnitt aus dem Lesebuch abschreiben.
Als endlich die Pause begann durften die Kinder auf den Schulhof, um ihre mitgebrachten Butterbrote zu essen. Das hatte oft üble Nachwirkung, denn auf den Fettflecken, die von den fettigen Fingern auf den Schiefertafeln entstanden, ging es schlecht zu schreiben.
Auf der großen Wiese, die zum Schulhof gehörte, balgten sich die Jungen. Die kleineren Schüler spielten Kreisspiele wie "Katz und Maus", "Faules Ei", "Dornröschen" oder "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann".
Nach dem zweiten Teil des Schultages freuten sich alle, daß sie nach Hause gehen durften.
Die Lehrer galten immer als Respektspersonen von denen man sich in Acht zu nehmen hat.

Damals gab es noch die Prügelstrafe in der Schule. Wenn ein Schüler seine Schulaufgaben nicht gemacht hatte, nicht gelernt hatte oder irgend etwas Verbotenes getan hatte, wurde er vom Lehrer über die Schulbank gelegt. Es wurden ihm die Hosen stramm gezogen und er wurde mit einer Rute oder einem Stock verprügelt. Manchmal gab es die Schläge sogar auf den blanken Po.
Ein Lehrer, der diese Strafe zu oft anwandte, sollte es noch schwer bereuen. Einige der größeren Schüler hatten sich zu sammengetan, überfielen diesen rabiaten Mann in einer sehr dunklen Nacht und verdroschen ihn, bis er grün und blau war. Danach herschte im Ort große Aufregung, aber es war nicht heraus zubekommen wer die Rächer waren, denn sie hatten sich schwarze Gesichter gemacht und bei der Prügelei selbst kein Wort gesprochen, damit man sie nicht an ihren Stimmen erkennen konnte.

Ich ging nicht so gerne in diese Schule, weil ich vor dem Lehrer Angst hatte. Später wurde er zum Militär eingezogen und wir bekamen eine ganz junge Lehrerin, das Fräulein Wohlgemuht, die als Laienhilfskraft unseren Unterricht weiterführen sollte. Sie war nicht so streng wie ihr Vorgänger, aber mit ihrer Aufgabe völlig überfordert.
In dieser Zeit wurde in der Schule Hitlers Geburtstag groß gefeiert. Auf dem Pult stand ein grahmtes Foto vom "Führer" flankiert von dicken Blumensträußen und dahinter die unvermeidliche Fahne mit dem Hakenkreuz. Es wurde gesungen und ein kämpferisches Gedicht über deutschen Helden aufgesagt.
Das Allerbeste an meiner Schulzeit in Weidenau war mein wunderbarer Schulweg. Er führte ca. 2 km über Wiesen, eingezäunte Weiden, an Kornfeldern und Kartoffeläckern vorbei. Es war sehr schön, wenn die Morgensonne schien und wir Schulkinder auf dem Fußweg über blühende Wiesen schlenderten, an Pferdekoppeln vorbei kamen und durch Zäune stiegen. Es ging vorbei vorbei an Weiden mit Kühen, entlang an Gräben und dem Bach und schließlich gab es sogar einen Obstgarten am Weg, wo vielleicht etwas zu holen war. Dazu sangen die Vögel und besonders das Gezwitscher der Lerche hoch oben am Himmel ist mir in schönster Erinnerung.

Im Winter stapften wir bis zum Bauch im Schnee und schlitterten im Bach auf dem Eis. Darum mußten wir in der Schule immer Hausschuhe zum Umziehen haben. Manchmal wurden wir auch mit einem Pferdeschlitten in die Schule gebracht und wieder abgeholt. Da ging es natürlich nicht querfeldein, wie sonst auf unserem Schulweg, sondern es mußte ein Umweg über die richtige Straße gemacht werden.
In der Weihnachtszeit wurde von der Partei eine "deutsche" Weihnachtsfeier veranstaltet. Die Kinder wurden mit gefüllten Tüten aus braunem Papier beschert, in denen einige Süßigkeiten und ein bebildertes Heftchen mit tapferen deutschen Soldaten waren.
Meine Eltern hatten einen Fotobildband mit Bildern von Hitler, auf Glanzpapier gedruckt. Auf meinem Lieblingsbild streichelte der "Führer" gerade einem kleinen, blonden Mädchen mit seiner behandschuhten Hand über den Kopf, als dieses ihm einen Blumenstrauß überreichte.
Die Erwachsenen diskutierten viel über die Politik von der ich nichts verstand und die mich auch nicht interessierte. Manchmal wurden auch hinter vorgehaltener Hand heimliche und unerlaubte Dinge erzählt.
Die Jungens waren bei der Hitlerjugend und mußten in Uniform "Dienst machen". Immer öfters fanden die Treffen auch am Sonntagvormittag statt und die Buben waren verpflichtet daran teilzunehmen. Mutter runzelte die Stirn, schließlich stand mein großer Bruder kurz vor seiner Konfirmation. Aber es half nichts, wenn die Jungen gerufen wurden, mußten sie gehen.
Ich erinnere mich, einmal einen Pfarrer in Parteiuniform auf der Kanzel in der Kirche gesehen zu haben.
Einmal kam zu uns ein Gendarm ins Haus und nahm Mutters Fingerabdrücke. Ich weiß nicht warum er das tat. Mutter sagte, er wollte feststellen, ob wir vielleicht Zigeuner sind.
Von der Schule bekamen wir Kinder den Auftrag Heilpflanzen zu sammeln, davon würde Medizin für die verwundeten Soldaten hergestellt. Also sammelte auch ich Fingerkraut, Frauenmantel und Kamille und lieferte alles in der Schule ab.

Dann durften wir beim Grüßen nicht mehr "Guten Mogen" oder "Guten Tag" sagen wie wir es immer taten. Wir sollten den rechten Arm schräg nach oben halten und deutlich "Heil Hitler!" rufen. Ich stellte mir vor, was das in der Stadt für ein Gezappel geben mußte, weil sich dort doch so viele Leute auf der Straße begegnen. Mit der Zeit wurde bei uns Kindern der Gruß sehr abgekürtzt. Wir hoben nur leicht die Hand und murmelten "Heiliter". Dabei mußten wir sehr aufpassen, daß wir wichtige Personen oder Uniformierte korrekt grüßten, sonst gabs in der Schule Strafe.
Im Radio meiner Eltern kam sehr viel Marschmusik und die damaligen Schlager, zum Beispiel "Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein", oder "Heidemarie", wurden alle im Marschrythmus gespielt. Es kamen auch viele Kampflieder gegen England oder Frankreich.
Wenn der "Führer" sprach wurde die Nationalhymne und sofort anschließend "die Fahne hoch"gesendet. Oft kamen Erfolgsberichte der Armee und manchmal Grüße der Soldaten an ihre Familien in der Heimat.
Ich hörte, daß das "Schwarzhören" streng verboten sei, konnte mir aber nichts darunter vorstellen.
Es gab auch eine "Frauenschaft", die den alleine zu Hause gebliebenen Müttern beistehen sollte und die sich in die Erziehung der Kinder einmischte. Unsere Mutter bekam das "Eiserne Kreuz", weil sie vier Kinder hatte.
Manchmal hörte ich, daß ein Soldat im Krieg gefallen sei. Ich verstand nicht, was daran so schlimm sein sollte, denn wer hinfällt kann doch wieder aufstehen. Erst später begriff ich die volle Bedeutung des verharmlosenden Wortes "gefallen".
Meine Mutter nähte gerne und hätte gerne Schneiderin werden wollen. Sie war stolze Besitzerin einer versenkbaren Nähmaschine und hatte viele Modehefte. Die durfte ich oft ansehen und die farbigen Zeichnungen der schick angezogenen Damen bewundern. Mutter erzälte, daß in der Stadt alle Leute so angezogen seien.
Mutter nähte alle Kleider für mich. An ein Kleidchen das Mutter mir nähte, kann ich mich noch gut erinnern. Es war aus rotem Cordsamt mit weißen Pünktchen. Sie nähte auch Sachen für die Jungen und die Wäsche, die im Haus gebraucht wurde. Für sich selbst nähte Mutter Schürzen, Nachthemden oder einfache Kleider.
In der Kriegszeit hat das wohl manche Mark erspart, besonders wenn man noch einen guten Stoff aus der Vorkriegszeit hatte oder ergattern konte. Oft wurden alte Kleidungsstücke, deren Stoff noch gut war, aufgetrennt und davon ein neues Kleidungsstück für ein Kind zugeschnitten. Die Stoffe, die es während des Krieges gab waren von sehr schlechter Qualität. Darum wurde von den Müttern sehr viel selbst genäht und gestrickt.


Letztes Weihnachten zu Hause

Vor Weihnachten 1943, als die Pfeffernüsse gebacken waren und sich alle Kinder auf das Fest freuten, war unsere Mutter oft traurig. Ich hörte oft Worte wie: " ... kann nicht kommen ...", " Einkesselung", "Urlaubssperre". Dann kam von unserem Vater ein Brief, über den Mutter noch mehr weinen mußte. In dem Brief stand, daß der Vater zu Weihnachten nicht nach Hause kommen könne.
Am Tag des heiligen Abends durften wir Kinder hinaus zum Schneemann bauen, wärenddessen Mutter die Stube fein machte. Als es dunkel wurde, kamen wir ins Haus, zogen die nassen Sachen aus und aßen in der Küche zu Abend. Dann mußten wir warten bis wir in die Stube durften. Endlich war es soweit. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten und auf dem Tisch war für jeden ein bunter Teller und ein kleines Geschenkpäckchen bereit. Ich bekam Buntstifte und ein Malheft. Als wir wie es üblich war unsere Gedichte aufgesagt hatten und dann dabei waren unsere bescheidenen Geschenke auszupacken, rumpelte und klopfte es plötzlich an unserer Haustüre. Alle erschraken. Mutter hatte keine Ahnung wer an der Tür stand und fragte sich, wer wohl am Heiligen Abend zu uns kommen könnte. Sie ließ den Besucher ein. "Ich bin der Weihnachtsmann" sagte die vermummte Gestalt im langen Mantel mit Pelzmütze auf dem Kopf und einer Gasmaske vor dem Gesicht. (Gasmasken waren damals in jedem Haus üblich und fielen uns deshalb nicht besonders auf.) Mutter überlegte, wer aus der Verwandschaft uns so unbestellt und unverhofft als Weihnachtsmann besuchen mochte.

Alle waren etwas beklommen. Wir wurden gefragt ob wir artig gewesen sind und mußten noch einmal die Gedichte aufsagen. Da war der "Weihnachtsmann" zufrieden. Im Hinausgehen lies er ein großes Paket da und kündigte noch "einen ganzen Wagen voll" Geschenke an, die er jetzt holen wolle. Das Paket das er da ließ, war ein "Führerpaket" die die Soldaten für Ihre Familien bekamen. Da hatte unsere Mutter eine Ahnung. Sie zog sich schnell den warmen Mantel über und lief zu den Nachbarn, um den unbekannten Besucher zu sehen. Dort fand sie tatsächlich unseren Vater, der über-raschend Urlaub bekommen hatte und bei uns als Weihnachtsmann aufgetreten war! Die Gasmsake mit einer Kartoffel darin hatte er aufgsetzt, damit seine Stimme nicht erkennbar war. Das war eine Freude! Ich war etwas schüchtern, denn weil mein Vaters so selten zuhause war, war er mir etwas fremd.

In dem großen Paket war die erste Orange meines Lebens. Die Apfelsine war in bebildertes Seidenpapier eingewickelt. Mutter hat die Frucht vorsichtig ringsherum eingeritzt und Schale für Schale langsam abgezogen, bis das Innere der Frucht saftig und verheißungsvoll hervorlugte. Dann wurde gerecht verteilt. Es schmeckte mir so wunderbar wie ich es in meiner festlichen Stimung erwartet hatte. Die Jungens knickten die Schalen der Apfelsinen und spritzten damit in die brennenden Kerzen, daß der Orangenduft sich in der ganzen Stube ausbreitete.

Das war unser letztes Weihnachten zu Hause.

Im Herbst 1944 mußten alle Bewohner, ob sie wollten oder nicht, die Heimat verlassen. Heute kann man nicht mehr erkennen wo die Häuser einst gestanden sind.


Die Mütter

Die Arbeit der Frauen war damals sehr schwer. Nur wenn sie einen reichen Bauern geheiratet hatten konnten sie sich für alle schweren Arbeiten genügend Personal halten, dem sie dann nur zu befehlen brauchten.
Die "einfachen" Frauen dagegen hatten es viel schwerer. Sie mußten den ganzen Haushalt alleine bewältigen und den Garten bearbeiten. Dazu kam im Krieg noch die Landwirtschaft mit den Haustieren und dem Acker, denn die Männer waren ja nicht zu Hause. Oft waren noch die Alten und Kranken im Hause und mußten gepflegt werden. Viele Frauen, auch meine Mutter, mußten noch zusätzlich als Saisonkraft bei einem der großen Bauern arbeiten.
Für Muße war kaum Zeit. Die einzigen Ruhezeiten waren vielleicht im Wochenbett, oder in der Kirche wo sie eine Weile ungestört und mit gutem Gewissen ruhig und ohne irgend eine nützliche Handarbeit sitzen konnten.
Als musische Tätigkeit war vielleicht einmal ein Deckchen zu häkeln, ein neues Muster an einem nützlichen Strickzeug auszuprobieren, oder eine Tischdecke zu sticken. Doch da war das Muster vorgezeichnet, daß eigene Kreativität kaum möglich war. Unsere Mutter besaß eine Nähmaschine womit sie viel für die Familie nähen konnte, was ihr glücklicherweise auch oft Spaß machte.

Unsere Mutter hatte eine schöne Singstimme. Obwohl sie keine Noten kannte, hat sie in ihrer Jugend in einem Kirchenchor mitgesungen. Mit uns sang sie viele Volkslieder, Kinderlieder, Weihnachtslieder und auch Kirchenlieder, wie sie gerade in die Jahreszeit paßten.
Mutter besaß auch eine Zither, die mit Tasten gespielt wurde. Zu der Zither gehörten verschiedene Blätter, auf welchen die Tasten aufgezeichnet waren und aus denen man erkennen sollte, welche Taste an der Reihe war. Aber unsere Mutter spielte, wenn sie etwas Zeit dafür erübrigen konnte, nur nach ihrem Gehör. Sicher ging es damals vielen, aus kleinen Verhältnissen stammenden Menschen so, daß sie ihre Begabungen nicht nützen konnten.
Lange nach dem Krieg, als wir in Steinheim wohnten und eine elektrische Orgel besaßen, war es für unsere Mutter immer eine Freude, wenn sie Gelegenheit hatte, darauf zu spielen.


Die Väter

Von den Männern weiß ich nicht so viel zu berichten, denn sie waren ja kaum da. Wie mein Vater und mein ältester Bruder waren alle Väter und großen Brüder, so weit ich mich zurück erinnern kann, im Krieg. Das war für mich als kleines Kind ganz normal und selbstverständlich. Wenn die Männer einmal auf Heimaturlaub nach Hause durften waren sie mir fremd. Außerdem verstand ich ihre Aussprache nur schlecht, denn die tiefen Stimmen klangen in meinen Ohren ungewohnt. Die einzigen Männer die zu Hause blieben waren alt oder hatten sonst einen Grund, daß sie nicht zum Militär eingezogen wurden.


Krieg und Flucht

Im Herbst 1944 ging ich in die zweite Klasse und war gerade 8 Jahre alt. Mein Vater und mein erwachsener Bruder Kurt waren im Krieg. Von den beiden älteren Brüdern die noch zu Hause waren hatte der Ältere, der 16 jährige Bruno, gerade eine Lehre begonnen, der Jüngere, der 12 Jahre alte Walter ging noch in die Schule. Mein jüngster Bruder Boto war erst 3 Jahre alt. Außer unserer Mutter lebte noch ihr Schwiegervater, unser 82 jähriger Großvater bei uns. Die Großmutter lebte schon lange nicht mehr.
Mir erschien es selbstverständlich, daß alle erwachsenen, starken Männer im Krieg waren. Von unseren Soldaten kamen manchmal Briefe nach Hause. Für mich war es immer spannend, ob in der Post Bilder waren. Auf den Fotos sah man oft Vater in Uniform, mit Kameraden oder auf einem Pferd.
Immer öfter hörte man von den Erwachsenen Worte wie: "eingeschlossen", "eingekesselt" oder Ähnliches. Wenn solche Worte fielen konnte es geschehen, daß meine Mutter weinen mußte. Mich berührte das nicht so sehr, denn wenn der Vater ab und zu nach Hause kam, war er mir fremd wie ein ferner Onkel. Außerdem weinte Mutter noch mehr, wenn Vater da war.

Von der Ferne hörte man immer öfter das Donnergrollen der nahenden Front. Man sprach von Spionen und auf Plakaten sah ich den Kohlenklau vor dem man sich in Acht nehmen sollte. Feindliche Flugzeuge warfen Flugblätter ab und ich erinnere mich an Warnungen vor Flugzeugen, die ganze Ladungen mit Spielzeug abwerfen würden. Uns wurde dringend eingeschärft, ganz bestimmt nichts anzufassen, falls wir etwas fänden, es könnte vergiftet sein oder gar explodieren.
Fast immer waren Flugzeuge in der Luft, hauptsächlich nachts. Bald lernten auch wir Kinder zu unterscheiden, welche Deutsche und welche Feindflieger waren. Abends mußten die Fenster mit dunklen Tüchern verhangen werden, damit kein Lichtschein nach außen dringen konnte, und die Bomber nicht angelockt würden. Eines Nachts, als uns das Dröhnen der Flugzeuge nicht schlafen lies, standen wir im Dunkeln auf und sahen vom Fenster, das in Richtung Tilsit, unserer Kreisstadt zeigte, die Scheinwerfer der Flugabwehr. Wir sahen die Leuchtkugeln der feindlichen Flieger, hörten das dumpfe Einschlagen der Bomben und sahen den hellen Schein der Flammen, der über der Stadt leuchtete. Da schlug auch ganz in unsere Nähe auf einem Acker eine Bombe ein. Am nächsten Tag sahen wir die etwa 5 m tiefe und 10 m breite Grube.
Einmal spielte ich mit meinen Puppen Fliegeralarm, bis es mir selbst unheimlich wurde und ich vor Angst weinend ins Haus lief.

Eines Tages sahen wir flüchtende Menschen auf der Landstraße vorbei fahren. Sie saßen auf Fuhrwerken, die hoch mit allerlei Hausrat und Bettzeug beladenen waren. Das fand ich aufregend und abenteuerlich.
Meine Mutter hatte beim Haus eine große weiße Badewanne aufgestellt, in der ich anfangs spielte. Später wurde alles Wertvolle in diese Wanne gepackt: Das Geschirr aus der guten Stube, das man immer geschont hatte, die Wäsche, die warscheinlich noch aus Mutters Aussteuer stammte, außerdem noch Rauchfleisch, Speck und Wurst von dem Schwein das verbotenerweise noch geschlachtet worden war. Im Gemüsegarten wurde ein großes Loch ausgehoben, die Wanne mit den kostbaren Sachen darin versenkt und mit Erde gut abgedeckt. Darüber kam noch Stroh und Laub, um das Versteck zu tarnen.
Der Uniformierte, der uns die bevorstehende Evakuierung ankündigt hatte, behauptete, daß diese nur vorübergehend sei und daß alle in wenigen Wochen wieder heimkehren könnten.
Meine Mutter nähte für jeden von uns aus starkem Stoff einen Sack, den man mit Tragriemen wie einen Rucksack auf dem Rücken tragen konnte. Da hinein wurde die nötigste Kleidung und die wichtigsten Sachen gepackt. Dazu gab es noch einen größeren Sack mit Bettzeug. Diese Dinge hatten wir bei uns als wir Mitte Oktober 1944, zusammen mit unseren Nachbarn, auf einem großen offenen Wagen zum Bahnhof Heinrichswalde gebracht wurden. Die Tiere mußten aus den Ställen gelassen werden. Auf dem Wagen trösteten uns die uniformierten Männer damit, daß es nur für zwei Wochen wäre.
Mit uns war unser kranker Großvater und dazu kam unsere 72 jährige Oma, die Mutter unserer Mutter. Ihr Mann, unser Opa, wollte auf jeden Fall in der Heimat auf unsere Rückkehr warten, egal was geschehen sollte. Weil es angeblich nur für eine vorrübergehende Zeit war, ging Oma mit uns. Wir alle und unsere Nachbarn wurden zum Bahnhof gebracht. Dort wurden wir mit vielen anderen Menschen aus den umliegenden Ortschaften in Viehwaggons verladen.

Der Zug fuhr erst in der Nacht los und hielt unterwegs oft an. Wenn wir in der Nähe eines Ortes waren hörten wir Sirenen heulen und man hörte von ferne Bombeneinschläge. Viele Menschen beteten, auch meine Oma. Wenn es dann endlich still war, setzte der Zug sich wieder langsam in Bewegung. So ging es in dieser Nacht oft. Am anderen Morgen stellten wir zu unserer Verwunderung fest, daß wir in Heilsberg angekommen waren. Das lag im südlichen Teil des ehemaligen Ostpreußen. Wir mußten aussteigen und es entstand ein großes Durcheinander. Hier verloren wir unsere Nachbarn aus den Augen. Wir hörten, daß sie in einen anderen Zug umsteigen mußten um noch weiter zu fliehen. Wir konnten wegen unseres kranken Großvaters nicht mit. Das war unser Glück. Später erfuhren wir, daß unsere Nachbarn vermutlich alle mit dem Flüchtlingsschiff "Gustloff" untergegangen sind.
Das Dorf in dem wir einquatiert wurden, hieß Warlack und lag im Kreis Heilsberg bei Guttstadt. Es war ziemlich kleiner Ort, hatte aber eine eigene Schule und einen kleinen Laden. In der Mitte des Dorfes gab es einen Dorfteich und nicht weit davon entfernt das Armenhaus in dem unsere Familie einen Raum zugeteilt bekam. Er hatte einen eisernen Ofen, Tisch, Stuhl, Schrank und Bett. Wir machten es uns mit unseren Gepäckstücken so gut als möglich bequem. Zum Schlafen breiteten wir die Bettsachen auf dem Fußboden aus, denn im Bett hatten höchstens 3 Personen Platz.

Das Land bei Warlak war hügelig, mit Wald und Moor. Zum Ort gehörten große Bauernhöfe und ein großes Gut. Die Menschen waren auch Ostpreußen wie wir aber ihr Dialekt unterschied sich von unserer gewohnten Sprache. Weil ich noch nie in einer anderen Gegend gewesen war, verstand ich anfangs wenig. Dazu hörte ich, daß die Leute hier alle katholisch sind, wo wir zu Hause doch alle evangelisch waren. Ich wunderte mich, daß die Katholischen keine Kreuze auf der Stirn hatten, wie ich vorher immer fest geglaubt hatte.
Wir Schulkinder wurden in die hiesige Schule aufgenommen. Dort wurde mir zum ersten Mal bewußt, was es bedeutet ein Flüchtlingskind zu sein. Wir wurden von den Mitschülern als minderwertig behandelt. Natürlich, wir wohnten ja schließlich im Armenhaus.
Meine Mutter und mein großer Bruder hatten sich noch einmal nach Hause durchgeschlagen um Mutters wervollstes Stück, die Nähmaschine zu holen. Das war sehr gefährlich und alle waren entsetzt über das, was sie bei ihrer Rückkehr erzählten. Unterwegs hatten sie brennende Häuser und tote Soldaten gesehen. Zuhause irrten die losgelassenen Haustiere ziellos und hungernd umher und die Kühe brüllten, weil sie gemolken werden wollten.
Bald wurde auch in der Gegend um Warlak gekämpft. Die Einwohner flohen, wir konnten wegen unseres bettlägerigen Großvaters nicht mit. Mit uns blieben einige Frauen, etliche Kinder und ein paar alte Leute zurück.


Kampf um Warlack

Im Januar 1945 kamen erst die deutschen Soldaten und kurz darauf die russischen Soldaten. Es wurde eine Woche lang heftig um Warlack gekämpft. Unsere Unterkunft lag mitten in der Front, wir wagten uns nicht aus dem Haus und beteten vor Angst. Soldaten beider Seiten lagerten manchmal irgendwo im Haus, versteckten sich oder suchten nach Feinden. Die russischen Soldaten, die sich während der Kämpfe in unserem Haus aufhielten, bedeuteten uns, in den Keller zu gehen, wenn geschossen wird. Doch das Haus war nicht unterkellert. Der Ort lag im Tal und über unserem Haus knallten und dröhnten die Geschosse hin und her. Die russischen Soldaten, die bei uns im Haus ihr Quatier aufschlugen, versorgten uns mit Essen. Sie brachten Brot und Lebensmittel, die sie aus dem Laden geholt hatten, mit.
Dann hatten die Russen den Ort eingenommen und es kamen Soldaten ins Haus, die nach Schnaps und Uhren suchten. Die Frauen und Mädchen zogen Kleidung an, die ihre Figur verhüllte, machten sich mit Asche graues Haar und ein graues Aussehen. Als Kind wußte ich nicht warum sie das taten; später verstand ich mehr. Die Russen plünderten und zerstörten die Bauernhäuser, die nicht schon durch die Kämpfe zerstört waren. Einige Soldaten kamen auch in unsere Unterkunft, durchsuchten unsere Habe und nahmen mit, was sie für wertvoll hielten und ihnen gefiel, manches warfen sie später auch weg. Wenn sich jemand wehren wollte, drohten sie gleich mit ihren aufgepflanzten Gewehren.

Ein russischer Soldat kam abends öfters zu uns, gab uns etwas von seinem Brot ab und zeigte Bilder von seiner Familie. Leider hatte er es auf unsere Mutter abgesehen . Als er sich ihr nähern wollte, schrie sie so laut, daß ich dachte, er bringt Mutter um. Der Russe kam nie wieder.
Eines Nachts kam ein schwerbetrunkener Russe mit krummem Säbel zu uns ins Haus. Er verlangte Uhren und Schnaps von uns was wir nicht hatten. Da drohte er, uns alle zu ermorden. Er setzte meinem kleinen Bruder seinen krummen Säbel auf die Brust, wir hielten den Atem an und beteten innerlich um Hilfe. Unsere mutige Oma bot dem Unhold zu essen an, um ihn damit zu beruhigen. Da schlitzte er mit seinem Säbel unsere Federbetten auf, daß die Federn stoben. Anschliesend riß er die Petroleumlampe vom Tisch, wankte hinaus und schleuderte die brennende Lampe durch die geschlossene Fensterscheibe ins Zimmer. Dabei schrie er, daß er wiederkommen wolle und das ganze Haus abbrennen werde. Glücklicherweise zerbrach der Petroleumbehälter nicht und die Lampe ging aus. In dieser Nacht packten wir eilig die wichtigsten Sachen zusammen und suchten bei Nachbarn Unterschlupf.
Später erfuhren meine großen Brüder, daß dieser Russe von seiner Einheit als Verbrecher gesucht wurde.


Als unsere Mutter verschleppt wurde

Unter der russischen Armee, etwa Anfang Februar 1945, wurden jeden Morgen alle arbeitsfähigen Frauen abgeholt um im Nachbarort Trümmer aufzuräumen oder Schnee zu schippen. Abends wurden sie wieder zurückgebracht. Bei diesen Frauen war auch unsere Mutter.

Als eines Morgens die Frauen wieder abgeholt wurden sagte einer der Russen: "Warm anziehen". Weil es strenger Winter war beachteten wir die Bedeutung dieses Ausspruches nicht besonders. Doch an diesem Abend wurden die Frauen nicht von der Arbeit zurückgebracht und wir warteten vergeblich auf unsere Mutter. Niemand wußte was geschehen war. Jemand hatte gesehen, wie die Frauen zusammen getrieben und weggeführt worden waren. Wir weinten und machten uns große Sorgen um unsere Mutter, aber sie kam nicht wieder.
Nach einigen Tagen kamen einige junge Frauen, die aus dem Ort stammten zurück. Sie hatten sich wohl mit den Russen angefreundet, so daß man sie laufen ließ. Da sie ortskundig waren, konnten sie sich nach Hause durchschlagen. Es war seltsam, daß die zurückgekehrten Frauen alle innerhalb von wenigen Wochen starben.

Unsere Mutter sahen wir erst etwa 2 ½ Jahre später wieder. Sie war weit nach Russland in Gefangenschaft verschleppt worden. Dort mußte sie unter Anderem in einer Ziegelei schwer arbeiten. Viele Frauen seien in der Gefangenschaft oder schon beim Transport dorthin gestorben. Vielleicht überstand unsere Mutter, obwohl sie gesundheitlich nie besonders stabil war, die harte Arbeit deshalb relativ gut, weil sie von jeher schwere Arbeit gewohnt war.
Sehr lange Zeit wußten wir nichts von unserer Mutter. Doch einmal erreichte uns eine Postkarte vom Roten Kreuz, die eigens für Gefangene war, mit einem kurzen Gruß von unserer Mutter. So wußten wir weningstens wo unsere Mutter war und daß sie noch lebte.
Etwa 30 Jahre später, als meine Eltern schon längst in Steinheim wohnten, kam noch eine Karte an, die unsere Mutter aus russischer Gefangenschaft an uns geschrieben hatte.


Mit Oma allein in Warlack

Nun waren wir Kinder ganz auf unsere Oma angewiesen. Der Großvater konnte nichts für uns tun, denn er war bettlägerig und selber hilfsbedürftig.
Der Winter war sehr kalt. Mein kleiner Bruder und ich blieben die meiste Zeit im Bett, weil es da am wärmsten war. Manchmal hörte man noch aus der Ferne Schüsse. Als die Kämpfe ruhiger wurden, wagten sich die Großen immer öfters hinaus. Vor dem Haus lag lange Zeit ein toter Soldat, der nicht begraben werden konnte. Dann mußten meine großen Brüder helfen tote Soldaten in Massengräbern zu begraben. Viel später erst erzählte mir mein ältester Bruder, wie sie damals tote deutsche Soldaten in den Betten verlassener Bauernhöfe fanden. Das waren wohl Verwundete gewesen, die Schutz gesucht hatten, dann aber von den Russen gefunden und erschossen worden waren. Die jungen Burschen nahmen den Toten die Soldbücher, die Erkennungsmarken und die Uhren ab, bevor sie sie begruben.
Meine ältere Brüder können noch viel mehr Geschichten erzählen, die ich als Kind gar nicht wußte. Zum Beispiel wie sie mit gefundener Munition hantierten und sich damit in Lebensgefahr brachten. Einmal hatten die Jungen einen Holztrog mit Schwarzpulver gefüllt, auf dem Dorfteich schwimmen lassen und angezündet. Die Stichflamme war haushoch. Glücklicherweise, oder wegen Omas Gebeten, ging alles gut aus.


Nahrungsmittelversorgung

Die großen Jungen durchstöberten die Keller und die Vorratsräume der zerstörten, verlassenen Bauernhäuser. Sie fanden steinhart gefrorene Kartoffeln, die wie Eierkohlen klapperten. Diese Kartoffeln schmeckten gekocht unangenehm süßlich. Oma versuchte eine Art Kartoffelküchle daraus zu backen, die wir als "Süßspeise" essen könnten. Sie schmeckten merkwürdig, aber wegen des Hungers aßen wir sie doch.
In einem verlassenen Stall fanden meine Brüder einen großen Brocken Viehsalz. Das kam uns sehr gelegen, denn in dem kleinen Laden am Ort gab es nichts mehr zu kaufen, auch kein Salz. In den Ruinen der zum Teil abgebrannten Häuser herumzustöbern war wegen der Einsturzgefahr sehr gefährlich. Die Häuser, die nicht abgebrannt waren, waren schon von Plünderern heimgesucht worden. Die Fenster waren eingeschlagen, die Türen standen offen, in den Zimmern lag alles kreuz und quer herum, der Inhalt aller Schränke und Schubladen war herausgerissen, durchwühlt und auf dem Boden zerstreut. In den Vorratsräumen waren die Säcke aufgeschlitzt und Einmachgläser zertrümmert. Jeder war froh, wenn irgendwo etwas Mehl, Zucker, Gries, Rüben oder sonst etwas Essbares zu finden war. Einmal wurde von durchziehenden Russen das zusammengetriebene Vieh durch das Dorf getrieben, da bekamen wir etwas Milch ab. Die großen Jungen hatten sich heimlich eine Kuh eingefangen und sie in einem verlassenen Stall versteckt. Dort fütterten sie die Kuh und molken sie. Da hatten wir eine Weile jeden Tag Milch, bis die Russen dahinter kamen und die Kuh mitnahmen.

Sobald im Frühjahr das erste Grün hervor kam, begannen wir Grünzeug zu essen. Junge Birkenblätter, Brennnesseln, Taubnesseln, verschiedene Kräuter, die wir als Tee kannten und auch einige, die wir vorher nicht als essbar kannten. Einmal versuchte Oma ganz junges Gras zu kochen. Solange sie es auch kochte, beim Essen meinte man Zwirnsfäden zwischen den Zähnen zu haben.
Im Sommer wurde die "Grünkostversorgung" immer besser. Oma sagte: "was dem Vieh nicht schadet, kann für uns Menschen auch nicht schlecht sein." Wir aßen alle mögliche Pflanzen, deren Namen ich nicht kannte und bis heute nicht kenne. Besonders erinnere ich mich an ein Kraut mit großen grünen Blättern, das auf Geröll und an Zäunen wächst. Ich kann mich noch genau an den Geschmack erinnern und wie rauh es sich im Mund anfühlte. Heute weiß ich, daß das Kraut Giersch genannt wird.
Inzwischen fingen die Pilze an zu wachsen. Oma und wir Kinder sammelten erst einmal alle Pilze, die Oma kannte - und das waren viele. Als wir keine bekannten mehr fanden, probierte unsere Oma auch Pilze, die sie nicht kannte. Die sehr giftigen Pilze kannte Oma wohl, denn sie war ja im Wald aufgewachsen. Doch nun nahm Oma zum Beispiel Pilze, die massenhaft auf Baumstümpfen wuchsen, die sie noch nie gegessen hatte und von denen sie nicht wußte, ob sie giftig sind. Unsere Oma war eine sehr fromme Frau. Sie kochte zuerst einmal eine Tasse der unbekannten Pilze für sich ab, dabei betete sie sehr. Dann aß sie die Pilze. Erst dann bekamen wir Kinder davon zu essen.
Ich nenne das mein persönlich erlebtes Pilzwunder.


Das Verhältnis zu den neu angesiedelten Polen

Inzwischen war Kriegsende, die Russen abgezogen und die Bauernhöfe wurden mit fremdländischen Menschen besetzt. Es waren meist Polen, die, wie ich heute weiß, oft zwangsangesiedelt wurden. Sie sollten das Land neu besiedeln. Sie kamen ohne Habe und brachten nichts mit. Deshalb stahlen und plünderten sie wahllos alles zusammen. Was sie zu ihrem neuen Anfang im ehemaligen Ostpreußen brauchten behielten sie, das andere warfen sie weg. So fanden wir einmal unser Familienstammbuch auf dem Abfallhaufen. Auf diese Weise sind uns viele persönliche Papiere und fast alle Fotographien verlorengegangen.
Es waren nur noch wenige Deutsche da, die übriggeblieben waren. Hauptsächlich ein paar Frauen, die nicht wußten, wo ihre übrige Familie war und einige Kinder ohne Eltern. Eine Frau im Nachbarhaus vermißte ihre Tochter. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Frau jeden Abend mit hoher lang, gezogener Stimme nach ihrer Tochter Trude rief.

Als das Haus leerer wurde, sind wir in einen größeren Raum im selben Haus umgezogen. Da hatten wir einen Herd zur Verfügung und drei Betten. Der Großvater der immer noch lebte und auch versorgt werden mußte, lag in einem anderen Raum. So konnten wir Kinder jeweils zu zweit in einem Bett schlafen. Oma hatte ein Bett für sich alleine.
Oma ging zu den polnischen Bauern um Kartoffelschalen zu erbetteln. Daraus machte sie Kartoffelküchle, die beim Essen sehr im Hals kratzten. Da wir kein Fett, aber von irgend woher Leinsamen hatten, von dem Oma wußte, daß sie Öl enthalten sollen, buk Oma die Küchle auf der mit Leinsamen bestreuten, heißen Herdplatte. Meine großen Brüder gingen zu den Bauern arbeiten um etwas Essen zu bekommen. Anderen Lohn gab es nicht.
Einmal mußten die Jungen bei einem Bauern den ganzem Tag lang einen Acker umgraben. Aber sie bekamen nichts dafür, nicht einmal etwas zu essen. Zuhause angekommen waren sie natürlich sehr hungrig und erzählten von dem geizigen Bauern. Am nächsten Morgen verbot Oma den Jungen noch ein mal dort hinzugehen. Der Bauer, ein großer Mann, kam und wollte die Jungen zur Arbeit holen. Oma stellte sich vor dem Hühnen hin und sagte, daß sie es nicht erlaube, daß die Kinder bei ihm arbeiten. Er solle sich schämen, daß er den Kindern nicht einmal ein Stückchen Brot zum Essem gegeben hat, wo er doch sicher weiß, daß sie nichts zu essen haben. Da nahm der Bauer seinen Prügel, den er dabei hatte und schlug damit unserer Oma ein paar mal übers Kreuz. Oma litt noch lange an Rückenschmerzen, aber wir waren machtlos und konnten uns nirgends beschweren.
Das löste in uns allen eine große ohnmächtige Wut aus. Mein zweitältester Bruder und sein gleichaltriger Freund hätten am liebsten alle Polen umgebracht. Es war ja noch genügend Munition vorhanden. Aber der ältere Bruder war besonnener und bedachte die möglichen Folgen. Unsere Oma, die sehr fromm und friedliebend war, hatte große Mühe die Jungen zu beruhigen.

Ich hatte ein unangenehmes Erlebnis mit den polnischen Kindern eines nahegelegenen Bauernhofes. Es war damals undenkbar, daß deutsche und polnische Kinder zusammen spielten. Nun zu meinem Erlebnis. Ich war gerade draußen auf der Wiese, als ich fremde Kinder kommen sah, die einen großen Hund bei sich hatten. Da lief ich weg und wollte nach Hause, aber der Weg dort hin war mir schon versperrt. Die Fremden hetzten ihren großen Hund auf mich. Ich rannte in panischer Angst zum Teich, der Hund bellend hinter mir her, ich auf den Steg, der Hund immer noch hinter mir her und schnappte nach mir. Da stürzte ich am Ende des Steges in den Teich und konnte mich nur mühsam aus dem Wasser retten. Die fremden Kinder sah ich mit ihrem Hund lachend davonziehen. Am nächsten Tag ging Oma mit mir zu dem polnischen Bürgermeister um zu protestieren, aber der lachte uns nur aus; was wir hier wollen, sie seien jetzt die Herren.
Es gab auch vernünftigere Bauern, bei denen meine großen Brüder fürs Essen arbeiteten. Sie brachten manchmal eine Handvoll Kartoffeln mit nach Hause oder ein Ei von einem verirrtem Huhn, das sie beim Legen beobachtet hatten. Oft schlich sich ein Junge heimlich in die Vorratskammer des Bauern, um eine Scheibe Brot oder Wurst so abzuschneiden, daß es nicht auffiel. Sie brachten es in ein heimliches Versteck, um nach Feierabend uns Kleinen und Oma was mitzubringen. Oma verstand es, alles gerecht aufzuteilen. Die Kartoffel wurde in gleichgroße Stücke geschnitten und in unserer täglichen Grünzeugsuppe mitgekocht, daß jeder ein gleich großes Kartoffelstückchen abbekam.

Inzwischen war wohl über unsere Heimat Ostpreußen entschieden worden.
Den nördlichen Teil des Landes, wo wir geboren waren bekam Rußland und der südliche Teil Ostpreußens, wo wir uns jetzt befanden, wurde polnisch.


Das Leben ohne Geld

Es gab nun wieder einen kleinen Gemischtwarenladen im Ort, wo man, wenn man Zloty besaß, einkaufen konnte. Das deutsche Geld war ungültig und Zloty hatten wir nicht. Die einzelnen Zloty, die Oma vielleicht irgend woher geschenkt bekommen hatte, hätten nie zum Leben gereicht. Wenn es geschah, daß Oma 5 Zloty beisammen hatte, kaufte sie ein kleines Tütchen Zucker dafür. Es waren bestimmt nicht mehr als 100 Gramm, die sie für das Geld bekam.
Die Polen konnten sich alles kaufen, wir nicht. Deshalb taten sich die größeren deutschen Jungen zusammen und stiegen Nachts durch ein Fenster des Hauses, worin der Laden war und stahlen Nahrungsmittel wie Zucker oder Mehl und einge andere Dinge, die wir ganz dringend benötigten, zum Beispiel Nähfaden. Sie nahmen kein Geld mit, das wäre aufgefallen; das Geld hätte man ja in diesem Laden wieder ausgeben müssen. Der Diebstahl war sehr riskant. Die Jungen taten es nur, wenn sie genau wussten, daß der Besitzer nicht zuhause war.

Der Verdacht richtete sich nicht alleine auf die Deutschen. Es war damals gang und gäbe, daß von allen, überall geklaut wurde. Unserer Oma war nicht wohl in ihrer Haut. Aber wir wurden ja auch bestohlen. So wurde auch Mutters Nähmaschine einfach weggeholt.
Manche Polen waren freundlich zu uns. Wenn Oma um Kartoffelschalen bettelte, bekam sie manchmal eine ganze Kartoffel dazu geschenkt, oder einen Zloty. Ich bekam einmal ein Butterbrot geschenkt, das beste, das ich je gegessen habe.

Als Oma einmal einen Zloty geschenkt bekommen hatte, kaufte sie davon ein Bonbon, das sie meinem großen Bruder, der gerade Geburtstag hatte, geben wollte. Wir saßen in der Stube. Einige Frauen, die sich oft bei uns aufhielten waren auch da. Oma sagte zu meinem Bruder: "Sieh mal, was ich für dich habe!" und streckte ihm das Bonbon auf der offenen Hand hin - schwupps, hatte eine Frau sich das Bonbon geschnappt und so schnell sie konnte in den eigenen Mund gestopft. Ich war sehr wütend, mein Bruder enttäuscht, Oma empört. Sie war der Frau lange böse, aber später verzieh sie ihr, denn die Frau starb bald. Überhaupt starben damals viele Menschen.


Unheimliche Geschichten

Einmal hatte ich ein unheimliches Erlebnis. Als eine Frau im Haus im Sterben lag, sah ich im Flur einen großen schwarzen Hund, der sich ganz still verhielt. Als die Frau gestorben war, schaute ich draußen nach, wo der schwarze Hund geblieben war, aber ich sah ihn nirgends. Die anderen sagten alle, daß es einen solchen Hund in der Gegend nirgends gäbe. Das bestärkte meine feste Überzeugung, daß ich den Tod gesehen habe. Damals gingen überhaupt viele mysteriösen Geschichten um, die die Frauen, die bei uns oft zu Besuch waren, erzählten. Eine Geschichte handelte von einem Wahrsager, der in die Zukunft sehen konnte. Er hätte im Traum drei Särge gesehen, einer voll Blut, einer voll Wasser und einer leer. Die Deutung dazu war: Soviel Blut wird in Deutschland vergossen, soviel Tränen geweint und so leer wird Deutschland nach dem Krieg sein.
Unsere Oma verstand auch allerlei vom Wahrsagen. Die Frauen wollten wissen, ob ihre Angehörigen noch lebten. Oma legte eine Bibel auf den Tisch, stellte darauf ein Glas Wasser, davor ein Foto von dem Vermissten oder einen Brief des gesuchten Ehemanns. Dann hielt sie den Ehering der Frau an einem dünnem Faden über das Glas. Gespannt wurde beobachtet, ob der Ring sich bewegt. Das war das Zeichen für Leben. Ich weiß nicht, ob Oma den Faden unmerklich bewegt hat, um den Frauen ihre Hoffnung nicht zu nehmen. Oma konnte auch die Karten lesen. Da sie aber sehr fromm war, machte sie jedesmal das Kreuzeszeichen über den Spielkarten, bevor sie die Karten auslegte.


Kleidung

Unter den Frauen gab es viele Gesprächsthemen, die wir Kinder nicht hören sollten. Es drehte sich oft um mysteriöse Erlebnisse und Bücher über dieses Thema. Die Frauen erzählten sich oft, was sie in Friedenszeiten alles gekonnt hatten und was sie gekocht oder gebacken hatten. Sehr gerne erzählten sie auch, was für feine Deckchen sie gestickt, gehäkelt und wie sie ihre ganze Aussteuer, die nun längst verloren war, damit geschmückt hatten.
Meine Oma besaß eine kleine Blechschachtel mit den wichtigsten Nähutensilien. Ich war sehr stolz, weil ich eine eigene Nähnadel besaß. Die trug ich meist an meiner Kleidung befestigt, damit sie nicht verloren gehen konnte. Diese Nadel hatte ich mir aus einer abgebrochenen Nähnadel, die jemand weggeworfen hatte, selbst hergerichtet. Auf einem Wetzstein rieb, drehte und rieb ich das stumpfe, abgebrochene Ende der Nadel so lange, bis es so spitz war, daß die Nadel einigermaßen durch den Stoff glitt. Nun nähte ich mir aus Stoffetzen und Garnresten eine ca. 20 cm große Puppe, die ich mir schon lange gewünscht hatte. Ich bastelte aus einer Schachtel ein Bettchen und nähte einige "Puppenkleider". Eines Abends ließ ich die Puppe samt Zubehör aus Versehen kurz im Flur stehen. Ein paar polnische Kinder waren zufällig vorbei gekommen und nachher war meine Puppe samt Bettchen weg. Ich weinte sehr über meinen Verlust und außerdem hatte ich kein Material mehr für eine neue Puppe.

Meine Nähnadel war mir geblieben, sie wurde auch dringend gebraucht. Denn wenn ein Kleidungsstück irgendwo kaputt zu gehen drohte, wurde sofort repariert. Wir liefen nie mit zerrissenen Sachen herum. Oma achtete immer darauf, daß alles ordendlich geflickt war. Von Kleidung, die so mürbe war, daß man sie nicht mehr retten konnte, suchte Oma noch stabile Teile aus, von denen man noch Flicken zuschneiden konnte.

So geschah es auch mit den Stricksachen. Die Wollstrümpfe zeigten viele übereinander gestopfte Stellen. Wenn nichts mehr half, mußten aus alter, aufgerebbelter Wolle neue Fersen, Strumpfspitzen, Fußsohlen oder Füßlinge gestrickt werden. So verfuhr man auch mit Pullovern und Strickjacken. Da wurden Ellbogen gesrtickt, Ärmel angestrickt oder neu gestrickt. Die Wollsachen wurden dadurch immer bunter. Wenn keine passende Farbe da war, mußte es auch so gehen. Durch das viele Zusammenknoten der Woll-enden, bekamen die Stricksachen innen ein pelzartiges Aussehen. Ich strickte mir aus den zu kurzen Wollfäden einen bunten, viel zu kurzen Schal.
Mit den Schuhen war es ähnlich. Wohl dem, der noch feste Schuhe aus richtigem Leder hatte. Wenn jemand ein Stück Autoreifen oder Ähnliches auftreiben konnte, war es ein Glücksfall. Damit konnten Schuhe besohlt werden.


Läuse

Ein sehr großes Problem waren für uns die Läuse. Als die ersten Russen zu uns kamen fing es an. Ab da hatten wir Kopf - und Kleiderläuse. Unsere Oma kochte die Wäsche und hing sie dann in die bitterste Kälte. Den Läusen machte das nichts. Unsere Köpfe wurden mit Petroleum eingerieben, oft gewaschen und laufend mit einem Nissenkamm ausgekämmt. Alles half nichts. Die ganze Bevölkerung hatte Läuse und niemand ein Pulver dagegen. Mein Kopf war vom vielen Kratzen und beim Kämmen aufgerissene Krusten voller Wunden, daß mir später in Leipzig der Kopf kahl geschoren werden mußte, damit die Kopfhaut richtig heilen konnte.
Einmal war eine Frau bei uns, die sich dauernd am Kopf kratzte. Ich sah, wie die Läuse aus ihren Haaren nur so herunter rieselten. Das hat uns und unsere Oma sehr aufgebracht, weil die Frau sich so gehen ließ und kein Benehmen zeigte. Anscheinend war sie schon so abgestumpft, daß ihr alles egal war. Sie starb bald.


Spiele

Wir Kinder hatten kein Spielzeug, also spielte ich mit Allem was ich fand. In einer verlassenen Gartenlaube, die etwas erhöht stand und ringsherum Säulen hatte, spielte ich Schloß, Kirche oder Tanzsaal. Einmal brachten meine Brüder von irgendwo ziegelfarbenes, rotbraunes und gelbes sandiges Pulver mit ( war es Fugenmaterial? ), das man mit Wasser zu Brei anrühren und damit Kuchenbacken spielen konnte. Irgendwoher hatten wir Tuben mit etwas Weißem darin gefunden, es war vermutlich Zahnpasta. Damit verzierten wir unsere Kuchen. Sie sahen sehr lecker aus, nach dem Trocknen wurden sie steinhart und waren leider nicht eßbar. Das mußte ich meinem kleinen Bruder klar machen und ihn davon abhalten, daß er das Zeug in den Mund nahm. Wenn ich nicht ins Freie konnte, schnitt ich mir aus Papier Puppenmöbel und Anziehpuppen zum Spielen. Auch mit gefalteten Papierschiffchen und Entchen konnte ich, zusammen mit meinen kleinen Bruder, schön spielen.


Die Sonntage

Wenn ein Sonntag kam hatte Oma einen eigenen Trick, etwas sonntägliche Stimmung zu erzeugen. Sie legte ein Deckchen auf den Tisch und stellte, wenn es möglich war, ein Stäußchen mit Wiesenblumen darauf. Und nun kam Omas Trick: Sie hatte weggeworfene Ziegarettenstummel aufbewahrt. Davon wurde etwas Tabak auf einem Tellerchen angezündet, daß ein feiner Ziegarettenduft in der Stube entstand. Das roch wie früher, wenn sonntags Besuch da war.

Natürlich wurde Sonntags auch gesungen und gebetet. Oma hatte ihre geliebte Bibel vor den Russen retten können. Bibeln und Gesangbücher waren bei den Russen sehr beliebt, denn die dünnen Papierseiten gaben ein prima Ziegarettenpapier ab.
Die Zeit für Gesang und Gebet war immer abends vor dem Schlafengehen.

Wir wollten nicht, daß es jemand hörte. Oma hatte ein Gebetbuch für alle Lebenssituationen und mit Psalmen darin. Die Lieder, die Oma mit uns sang, konnte sie alle auswendig. Oma sang klar und leise. Zum Beispiel:
"Ich bete an die Macht der Liebe", "Harre meine Seele", "Was Gott tut das ist wohl getan", "So nimm denn meine Hände", "Befiel du deine Wege" und noch viele andere Kirchenlieder. Das gab unserer Oma Kraft und den Mut, den sie so oft brauchte.


Ährenlesen

Im Herbst ging Oma mit uns zum Ährenlesen auf die abgeernteten Kornfelder. Das sahen die Bauern nicht so gern. Manchmal wurden wir von ihnen vertrieben und die eigenen Kinder wurden zum Auflesen der Ähren aufs Feld geschickt.
Wir klopften und pulten die Körner mühsam aus den Ähren. Da uns zum Mehl mahlen nur die Kaffeemühle zur Verfügung stand, war das Mahlen langsam und mühselig. Da hatte Oma die Idee, die Körner erst zu kochen und quellen zu lassen und sie dann durch den Fleischwolf zu drehen. Diesen Brei knetete Oma mit etwas trockenem Mehl durch, formte brotähnliche Laibe, bestreute sie ringsum mit Mehl und und buk sie in unserem Holzherdbackofen. Das Brot waren innen weich und klitschig, aber es schmeckte gut.


Omas Verletzung

Beim Ährenlesen passierte Oma etwas Schlimmes. Sie stach sich mit einem Stoppel oberhalb des Knöchels ins Bein. Die Wunde entzündete sich, fing an zu eitern und wollte nicht heilen. Alle Heilpflanzen, ob Kamille oder Wegerichblätter halfen nichts. Auch der Versuch die Wunde mit etwas Zucker zu heilen war erfolglos. Das Geschwür wurde größer und größer. Es mußte jeden Tag gereinigt und frisch verbunden werden. Trotzdem versorgte Oma uns Oma Sommers wie Winters. Da hörten wir, daß in einem Nachbarort eine Krankenschwester sei, die etwas vom Heilen verstünde. So machte sich Oma auf den langen Weg zu dieser Krankenschwester. Diese gab Oma eine kleine Dose Wundpuder mit. Nach kurzer Zeit sah man, daß das Geschwür trocknete, nicht mehr eiterte und im Begriff war zu auszuheilen.

Doch eines Tages kamen durchziehende Plünderer, nahmen mit was ihnen gefiel, darunter auch die Dose mit Omas kostbarem Wundpuder.

Das hat uns allen sehr leid getan. Das Geschwür ging wieder auf und kam sogar auf der anderen Seite des Beines zum Vorschein. Oma behielt das schlimme Bein bis wir in Leipzig waren und die Ärzte sich darum kümmerten.
Trotz dieser Wunde ging Oma im Herbst mit uns, später mit den Großen oder alleine, in den Wald um Holz für den Winter zu sammeln. Es waren meist Äste von Fichten und Föhren, die noch klein gehackt wurden. Außerdem spalete sie auch Kienspäne zum Feuer anmachen. Der Winter kam, es schneite und die Fenster froren wieder so zu, daß man nicht hinaus sehen konnte. Mein kleiner Bruder und ich blieben wieder die meiste Zeit im Bett, dort war es am gemütlichsten. Oma holte Schnee zum Auftauen in die Stube, damit wir Trinkwasser hatten.
Im Sommer wurde das Wasser aus dem Dorfteich geschöpft. Zum Trinken kochte unsere Oma immer Tee aus allerhand Kräutern. Manchmal gab es Kaffee aus gemahlener Gerste, die auf der heißen Herdplatte geröstet worden war. Wir tranken auf diese Weise nie unabgekochtes Wasser.


Weihnachten 1945

Es kam die Advendszeit und Weihnachten. Wir hatten damals natürlich weder Weihnachtsgebäck noch Geschenke. Und so wurde der heilige Abend gefeiert: In einem Stück Holz, als Fuß für den Weihnachtsbaum, wurde ein Loch gebohrt. Darin befestigten wir unseren Weihnachtsbaum, ein ca. 70 cm hohes, junges Fichtenbäumchen. Wir hatten keinen Schmuck, aber eine Sofakissenhülle, die aus bunten Wollbommeln zusammengesetzt war. Das Stück wurde auseinandergenommen und die Wollkugeln an den Baum gehängt. Das Beste war, daß ich alle Wachsreste, die ich finden konnte zusammenkratzte und weich knetete. Daraus formte ich ein fingerdickes Würstchen um einen Faden. Fertig war die Kerze. Sie wurde an der Spitze unseres Weihnachtsbaumes festgebunden.
Als wir dann unsere Weihnachtslieder sangen und Oma aus der Bibel die Weihnachtsgeschichte vorlaß, leuchtete die Kerze und die Wollkugeln die nur aus stumpfen Material bestanden, glänzten am Weihnachtsbaum. Die Kerze brannte nur kurz, aber den Baum ließen wir solange auf dem Tisch stehen, bis er seine Nadeln verlor.


Thyphus

Im Frühjahr 1946 wurde mein älterer Großer Bruder so krank, daß wir Angst hatten ihn zu verlieren. Er hatte warscheinlich Thyphus, sehr hohes Fieber und er phantasierte. Nirgends war ein Arzt und wir hatten auch keine Medizin. Ich beobachtete, ob der Kranke in seinem Fieberwahn die Mama als Engel sah, die ihn vielleicht abholen wollte. Doch mein Bruder wurde wieder gesund und ich hatte die Hoffnung, daß Mama noch lebte.


Auf dem Gut

Eine Zeitlang, im Frühjahr 1946, wohnten wir in einem kleinen Arbeiterhäuschen bei dem großen Gut, das vom Ort etwa 1 km entfernt lag. Mein Bruder sollte dort für Zloty arbeiten, was er auch tat, denn wir hatten kein polnisches Geld und für die Reichsmark, die Oma noch besaß, konnte man nichts kaufen. Als der Bauer meinem Bruder den Lohn auszahlen sollte gab es kein Geld - und auch nichts anderes. Es zog sich eine Weile so hin, bis uns der Geduldsfaden riß und wir beschlossen, wieder in das Dorf, in unsere altbekannte Stube zu ziehen. Der Bauer wollte uns nicht weglassen. Er drohte meinen Bruder auszupeitschen und den Wagen mit unseren bereits aufgeladenen Habseligkeiten umzustürzen. Es war eine dramatische Situation, die damit endete, daß wir endlich losfahren konnten und froh waren, wieder in unsere alte Stube zu kommen.


Großvaters Begräbnis

Im Juni 1946 starb unser kranker Großvater. Als Sarg wurde eine Holzkiste aus einfachen Brettern gezimmert. Wir flochten einen Kranz aus grünem Laub und Tannenzweigen. Oma legte Wert darauf, daß der Großvater auf einem richtigen Friedhof zur Ruhe gelegt wurde. Also packten wir den "Sarg" auf einen zweirädrigen Holzkarren und zogen damit ins nächst größere Dorf, wo ein Friedhof war. Dort schaufelten meine großen Brüder, wo gerade Platz war, eine Grube und wir beerdigten unseren Großvater. Wir legten den Kranz auf das Grab und Oma sprach das Vaterunser und einige andere Gebete.
Da sah ich Oma das einzige Mal verzweifelt. Sie sagte: "Ach wenn der liebe Gott mich auch zu sich holte, am liebsten würde ich gleich hierbleiben und auch sterben!" Aber Oma wurde noch dringend gebraucht.
So oder ähnlich liefen wohl viele Begräbnisse ab. Wenn jemand starb, half ich beim Kranz flechten, denn das tat ich gern. Ich spielte auch gerne Begräbnis wenn ich einen toten Vogel oder Käfer fand.


Die letzte Zeit in Warlack

Mein jüngerer großer Bruder hatte eine Zeit lang eine gute Stelle, wo er auch schlief, bei einer deutschfreundlichen Bauernfamilie. Diese Familie war aus Weißrußland gekommen. Der Hof war von uns etwa 5 km enfernt. Ich wanderte einmal in der Woche dort hin, um ein Körbchen Kartoffeln für die Familie zu bekommen.
Mit hochhackigen Damenschuhen, die mir viel zu groß waren, machte ich mich auf den Weg. Meine eigenen Schuhe waren nicht mehr zu gebrauchen. Auf dem Hof wurde ich freundlich empfangen. Zuerst bekam ich einen großen Teller voll Milchbrei, aber nur einem kleinen Löffel dazu, um zu essen. Ich ärgerte mich, weil sie mich wie ein kleines Kind behandelten, was ich ja auch war. Außerdem war ich sehr hungrig. Auf dem Rückweg fand ich dann noch die Eier, die mein Bruder außerhalb des Hofes, für mich zum Mitnehmen versteckt hatte und manchmal auch ein Stück Brot, das er beiseite schaffen konnte.
Im Dorf wurde die Polnische Schule eröffnet. Ich sehnte mich sehr danach, wieder in eine Schule gehen zu können, aber dafür hätte ich Polin werden müssen. Wir sollten Polen werden, dann hätte ich dort in die Schule gehen können und die Großen hätten angeblich für Geld bei den Bauern arbeiten können. Das wollte keiner von uns. Hier war ja auch nicht unsere richtige Heimat und wir hätten unter den Polen, die uns lieber los haben wollten, keine Zukunft gehabt.


Die Ausreise ins "Reich"

Es blieb uns nur die Möglichkeit in das übrig gebliebenen Deutschland auszusiedeln. In unsere alte Heimat konnten wir nicht zurück, sie gehörte jetzt zu Russland. Die Ausreisekosten mußten mit Reichsmark bezahlt werden. Oma hatte noch etwas Geld in ihr Leibchen eingenäht. Damit fuhr sie in die Stadt und brachte es fertig, daß wir ausreisen durften. Doch die Sache hatte noch einen Haken. Es durften nur Personen mit deutschem Namen ausreisen, aber der Familienname von uns Kindern endete mit einem "- ky" und das klang zu polnisch. Also änderten wir eigenmächtig unsere Nachnamen. Wir konnten ja sagen, daß unsere Papiere alle verloren gegangen seien. Uns Kleinen gab Oma ihren deutsch klingenden Namen, ein Bruder schloß sich einem Geschwisterpaar, das Neuman oder so ähnlich hieß an und mein älterer Bruder galt als Bruder eines alleinstehenden Mädchens mit deutschem Namen. Wir hatten uns unsere neuen Namen scharf eingeprägt und auch den kleinen Bruder bearbeitet, daß er sich nicht verplappern sollte. Wir drohten ihm damit, daß wir sonst dableiben und Polen werden müßten.
Endlich war es soweit. Wir wurden mit einem Pferdewagen in die Stadt gebracht, wo der Transport nach Deutschland zusammen gestellt wurde. Das dauerte noch eine ganze Woche. Da wurde uns noch alles irgendwie halbwegs Wertvolle abgenommen. Auch die gesammelten Erkennungsmarken und Soldbücher der deutschen Soldaten, die meine Brüder begraben hatten. Ob diese Dokumente, die die Jungen in Deustschland den Behörden übergeben wollten, wohl zum Suchdienst des Roten Kreuzes gelangten? Vielleicht gelten diese Soldaten noch heute als vermißt.

Endlich konnten wir den Zug mit Viehwagons besteigen, der uns weg bringen sollte und dann rollten wir in Richtung Westen. Die Fahrt dauerte tagelang, denn der Zug blieb auf mehreren Bahnhöfen lange stehen, wo noch mehr Menschen zum Ausreisen dazu kamen. Wir saßen zwischen unseren Bündeln im offenen Viehwagen und ließen die Landschaft an uns vorüberziehen.
Manche Frauen weinten, andere sangen wehmütige Heimat- und Abschiedslieder.
Endlich war die Grenze erreicht. Rotkreuzschwestern kamen und verteilten süßen Milchbrei. Ich fühlte mich wie im Schlaraffenland. In Anklamm mußten wir erst in das Quarantänelager, das aus Baracken mit Fenstern aus verdrahtetem Glas und Holzpritschen zum Schlafen bestand. Dort wurden wir als Erstes entlaust. Das geschah so, indem ein Mann im weißen Mantel uns mit einer großen Zerstäubungsspritze verfolgte und uns mit Antiläusepulver einnebelte. Wir wurden ärztlich untersucht und bekamen allerlei Spritzen. Als die Ärzte hörten, wo wir herkamen und wovon wir uns ernährt hatten, wunderten sie sich über unseren guten körperlichen Zustand und daß wir nicht wie Gerippe aussahen. Zwar waren wir alle schlank, aber nicht lebensbedrohlich abgemagert und auch sonst in einem einigermaßen ordendlichem Zustand. Das viele Grünzeug hatte seine Wirkung getan.


Unsere Zeit in Leipzig

Nach dem Aufenthalt im Übergangslager transportierte man uns weiter nach Leipzig, wo unser Zug lange im Bahnhof stehen blieb, bis wir endlich aussteigen durften. In Leipzig wurden alle Menschen des ganzen Transports in einem großen Festsaal untergebracht. Das Gelände ringsherum war ein großer Park mit alten Bäumen und Rasen. Neben unserem Bau stand noch eine Ruine. Es hieß, das sei ein Tanzsaal gewesen. In unserem Saal ging es wie bei einem großen Zeltlager zu. Jede Familie hatte sein Gepäck um sich herum gelegt, und in der Mitte einen "Wohnraum" freigelassen. Dort wurden Nachts die Betten ausgebreitet und geschlafen. Zwischen den Reihen wurden Gänge als Wege frei gelassen. Zum Essen mußte man bei der Küche anstehen. Es gab meistens Eintopf, der in die mitgebrachten Gefäße gefüllt wurde und Brot, das sich jede Familie selbst aufteilen mußte. In Leipzig wurde mir von den Ärzten der Kopf gschoren und verbunden. Ich war das einzige Mädchen ohne Haare, deshalb trug ich immer eine Mütze oder ein Kopftuch. Ich sehnte mich sehr nach meinen Zöpfen zurück. Alles was sich fand und sich zum Flechten eignete flocht ich zu Zöpfen: langes Gras, Zweige, Schnüre und so weiter. Auf der Bühne des Saales fanden manchmal Veranstaltungen für die Vertriebenen statt. Es wurden oft Reden gehalten, die mich nicht intressierten und auch die Arztbesuche, wo meistens gegen irgend etwas geimpft wurde, fanden auf der Bühne statt.

Draußen im Park unter Bäumen gab es manchmal einen katholischen Gottesdienst, der mir sehr gefiel. Der Geistliche kam im schwarzen Gewand und mit einem geheimnisvollen Köfferchen. Ein Tisch mit einer weißen Tischdecke wurde aufgestellt, davor einige Bänke zum Sitzen. Auf den Tisch stellte jemand rechts und links einen Blumenstrauß, der Pfarrer zauberte aus seinem Köfferchen ein silbernes Kruzifix und stellte es zusammen mit zwei glänzenden Leuchtern auf den geschmückten Tisch. Dann begab sich der Pfarrer hinter die Ruine, zog ein weißes Hemd mit Spitzen über sein langes schwarzes Gewand und darüber noch die farbige Stola. Die Kerzen wurden angezündet und der Priester trat feierlich hinter der Ruine hervor um die Messe zu halten. Es war wunderschön.
Eines Tages sprach auf unserer Saalbühne ein normal gekleideter Mann.
Oma sagte, daß dies der evangelische Pfarrer sei. Ich wußte, daß wir auch evangelisch waren und war sehr enttäuscht. Der Mann sprach von Gott, aber seine Rede gab für mich keinen Sinn. Sie handelte nicht von dem tiefen Glauben, den ich von unsere Oma kannte.

Wir Kinder spielten hauptsächlich auf dem weitläufigen Gelände des Parks. Einmal hatten wir das unerwartete Glück kostenlos einen entfernten Rummelplatz besuchen zu können. Da durfte ich ein paarmal Karussel fahren.
Dann hieß es, daß für unsere Familie in der Stadt eine Wohnung sei und wir bald einziehen könnten. Aber daraus wurde vorläufig nichts, denn in dem Lager brach Thyphus aus. Die Tore des Parks wurden geschlossen, daß niemand hinaus oder herein konnte.
Als die Quarantäne nach einem Monat endlich um war, konnten wir in eine Wohnung in der Stadt einziehen. Es waren zwei Zimmer im dritten Stock in einem großen Haus bei einer einzelnen Frau. Ich war beeindruckt, als ich hörte , daß die Frau von Beruf Schönschreiberin war. In einem Südzimmer waren ein paar Möbel, da wohnten wir. Das andere Zimmer, das nach Norden lag und nicht heizbar war, war ganz leer. Dort bewahrten wir unser Gepäck auf und lagerten unser Brennholz. Zum Kochen mußte Oma die Küche der Hausfrau mitbenutzen. Auf dem kleinen Ofen in unserem Zimmer konnte man höchstens etwas wärmen oder Wasser warm machen.

Nun durfte ich endlich wieder in die Schule gehen. Wie habe ich den Tag herbeigesehnt! Die Lehrein nahm mich Flüchtlingskind nicht oft dran, wenn ich mich auch noch so oft meldete. Vielleicht lag es an meiner Sprachunsicherheit, oder an meiner ungewöhnlichen Frisur, daß die Lehrerin nicht wußte, wie sie mit mir umgehen sollte. Das machte mich sehr traurig, denn ich war voller Eifer endlich etwas lernen zu können. Der Höhepunkt des Schultages war, wenn die Lehrerin vor der Pause hinaus ging und mit einem Netz voller duftender Brötchen wieder kam und jedem Kind eines austeilte. Ich schaffte es nicht, mein Brötchen bis zu Hause aufzubewahren.
Wir hatten immer noch Hunger. Das Wenige, das man für die Lebensmittelkarten bekommen konnte reichte nie. Manchmal standen wir lange Schlange, um etwas Molke beim Milchhändler oder eine Kanne dünne Wurstbrühe vom Fleischer zu bekommen. Die großen Jungen gingen zum Schwarzmarkt um für viel Geld etwas Brot zu kaufen. Oma ging mit uns in den weit entfernten Wald um Brennesseln zu suchen. Aber der Wald war von den Einwohnern der großen Stadt, die auch hungerten, längst wie leergefegt. Es gab auch kein Stöckchen Holz, das wir zum Heizen hätten mitnehmen können. Da sah Oma ein Kraut, mit Blättern wie Brennesseln aber es hatte ganz andere, kleine weiße Blüten daran. Oma behauptete, daß dies eine andere Sorte von Brennesseln sei und wir mußten es essen. Ich fand es scheußlich, denn es schmeckte bitter.


Zusammenführung der Familie 1947

In Leipzig gab es für die vielen Menschen zu wenig Arbeit. Deshalb wurde mei ältester Bruder nach Aue in ein Bergwerk zum Arbeiten verpflichtet und war die ganz Woche nicht zuhause. Der jüngere Bruder war inzwischen fünfzehn Jahre alt geworden und für die Schule zu alt befunden. Er mußte in einem Sägewerk arbeiten gehen. Der kleine Bruder war noch zu jung für die Schule.
Eines Morgens hatte mein Bruder keine Lust zur Arbeit zu gehen, obwohl er sich nicht krank fühlte. Er blieb einfach zu Hause, als ob er eine Vorahnung hatte, daß dies ein besonderer Tag werden würde. Am Vormittag klappte die Wohnungstüre. Oma sah nach, ob jemand gekommen wäre, aber da war niemand. Mein Bruder sah durchs Fenster den Briefträger weggehen und schaute gleich in den Briefkasten. Und tatsächlich, da lag ein Brief für uns - wir sahen es schon an der Schrift, - von Mama!

Wir zitterten und weinten vor Freude. Mutter war nach über zwei Jahren aus der russischen Gefangenschaft entlassen worden und hat uns gleich durch den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes suchen lassen. Zuerst hatte sie unseren Vater in Bayern, ihre Schwestern und unseren Opa, Omas Mann gefunden. Uns fand sie zuletzt. So ging es auch unserem Vater. Er hatte durch den Suchdienst schon seinen ältesten Sohn und die ganze Verwandschaft gefunden, nur seine eigene Familie ganz zuletzt. Das lag daran, weil wir so lange in Ostpreußen geblieben waren. Unsere Mutter, die in einem Dorf nicht sehr weit von uns entfernt, gelandet war, zog gleich zu uns. Der Vater, der aus amerikanischer Gefangenschaft nach Bayern entlassen worden war, beantragte gleich die Zuzugsgenehmigung für uns nach Dinkelsbühl. Das war eine Hin-und-her-schreiberei. Wir mußten mit dem Papier sehr sparsam umgehen, denn es gab sehr wenig zu kaufen. Jedes leere Papier wurde sorgfältig zum Briefeschreiben aufbewahrt und die einmal benuzten Umschläge vorsichtig gewendet und noch einmal benuzt.
Wir bekamen die Zuzugsgenehmigung zu unserem Vater, aber mein älterer Bruder, der in Aue arbeiten mußte, sollte nicht mit uns umsiedeln dürfen. Deshalb flüchtete er eines Nachts über die deutsch-deutsche Grenze . Oma zog zu ihrer Tochter und ihrem Mann nach Grüna und wir mit unserer Mutter zu unserem Vater nach Dinkelsbühl. Unsere Reise führte über das Durchgangslager in Eisenach


Unser Leben in Dinkelsbühl

Unser Vater war zuerst bei einer Bauernfamilie im Kreis Dinkelsbühl beschäftigt. Er suchte sich eine neue Arbeit bei einer anderen Bauernfamilie in der Stadt, deren Vater im Krieg gefallen war. Hier wohnten wir alle zusammen in einem kleinen Zimmerchen unter dem Dach. Der Blick aus dem Fenster zeigte auf das Dach der angrenzeden Scheune. Das Zimmer war sehr klein, aber dafür durften wir bei der Familie mitessen.
Dinkelsbühl ist eine kleine, romantische, mittelalterliche Stadt, mit Stadtmauer und Wehrtürmen um den alten Stadtkern mit seinen Fachwerkhäusern herum.
Als wir ankamen, gab es dort fast keine Industrie.
Mein ältester Bruder bekam bald eine Stelle bei einem Bauern außerhalb der Stadt, der jüngere Bruder wurde von der Familie Schnotz, bei der der Vater vorher schon gearbeitet hatte, freundlich aufgenommen. Frau Schnotz war wie eine liebe Oma für uns. Sie gab uns alles, was sie entberen konnte und leerte ihre Aussteuertruhe für uns. Fau Schnotz sorgte auch dafür, daß mein Bruder zum Konfirmandenunterricht gehen konnte und richtete auch das Fest dafür aus, wobei sie unsere ganze Familie bewirtete.

Ich trat in Dinkelsbühl in die dritte Klasse der Schule ein, bei der die Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet wurden. Mein kleiner Bruder wurde in die erste Klasse eingeschult. Meine Mitschülerinnen waren, wegen der Jahre, da ich keine Schule besuchen konnte, alle zwei Jahre jünger als ich. Da ich so kurze, krause Haare und einen schwer auszusprechenden Namen (Sakautzky ) hatte, nannten sie mich "Krautskopf". Das fand ich nicht so schlimm. Durch meine Unsicherheit wurde mein Stottern schlimmer und auch noch durch das Verhalten der ersten Lehrerin, die ich dort hatte, verstärkt. Meine Mitschülerinnen behandelten mich gut. Ich fühlte mich als Ausnahme und war daher verunsichert. Später wurde das besser. Ich fand Freundinnen, die mir oft etwas abgaben. Einmal bekam ich von einer Mitschülerin ein Poesiealbum, wie es damals alle hatten, geschenkt. Ich habe es heute noch. Mit der Zeit machte mir die Schule immer mehr Spaß. Ich erinnere mich an die Handarbeitsstunden, wo die Lehrerin einen langen Fortsetzungsroman vorlas, der "Suchkind 312" hieß. Sehr gut in Erinnerung ist mir auch der Geschichtsunterricht einer Lehrerin geblieben, auf den wir uns immer freuten. Sie verstand sich darauf, den Unterricht wie einen Fortsetzungsroman zu gestalten und wir waren immer gespannt, wie es wohl weiter gehen wird und wie die Menschen damals gelebt haben. Jahreszahlen zu lernen war uns unwichtig.
Wenn ein Schulausflug stattfand, bekam ich von mancher Schülerin ein bisschen Geld geschenkt, damit auch ich an der Fahrt teilnehmen konnte. Wenn es im Winter zum Schlittschuh fahren ging, lieh man auch mir die begehrten Schlittschuhe, die nicht jeder selbstverständlich hatte, kurz aus. So habe ich das Schlittschuhfahren zwar probiert, aber nie richtig gelernt.

Genau so ging es mir mit dem Radfahren, das in Dinkelsbühl reiner Luxus war. In der Stadt war jeder Ort in kurzer Zeit zu Fuß zu erreichen. Die Schule befand nur zwei Sträßchen weiter von userem Zuhause entfernt. Niemand mußte mit dem Fahrrad zur Schule fahren. In den Wald oder zu einem nahe gelegenen Badeweiher gingen die meisten Leute zu Fuß. Fahrradtouren wie heute waren damals nicht modern. Ein Fahrrad, wenn es auch ein gebrauchtes gewesen wäre, konnten wir uns zu der Zeit nicht leisten. Selbst als ich später arbeiten ging, brauchte ich kein Fahrrad.
Im Sommer konnte man für 10 Pfennige im Strandbad an der Wörnitz ins Freibad gehen. Schulschwimmen war selten, und die wenigen Zehnerle, die ich von meiner Mutter erbettelte, reichten nicht, so oft ins Freibad zu gehen bis ich schwimmen konnte. Mit meiner Freundin ging ich manchmal mit unseren selbst gestrickten Badeanzügen zu einem Weiher außerhalb der Stadt um zu baden, aber schwimmen lernte ich dort nicht, denn Schwimmflügel oder andere Schwimmhilfen gab es damals nicht.


So wie mir ging es damals vielen Kindern. Wir waren nicht die einzigen Flüchtlinge und die ansässige Bevölkerung hatte in dieser Zeit auch nicht viel mehr als wir.
Vater hatte über das Wohnungsamt eine bezahlbare Wohnung mit zwei Zimmern und einer Küche gefunden. Die Wohnung befand sich in der Bärengasse Nr. 4 und wurde unsere zweite Heimat, wo wie sehr lange gelebt haben. Unser Vater kündigte seine Arbeit bei der Bauernfamilie, die nicht in der Lage war, so viel Lohn zu zahlen, wie man brauchte, um eine ganze Familie zu ernähren. Weil es in Dinkelsbühl damals keine Arbeit gab, arbeitete mein Vater und später auch meine großen Brüder in Stuttgart. Wie viele andere Männer, kamen sie jedes Wochenende mit dem Bus nach Hause. Meine Mutter hatte verschiedene Putzstellen, wo sie zum Familieneinkommen etwas dazu verdienen konnte.
Meine Eltern hatten anfangs geschenkte oder vom Gebrauchtmarkt gekaufte, zusammengewürfelte Möbel. Als sie später, in den fünfziger Jahren, etwas Geld zuzammen gespart hatten, beschlossen sie, sich ein neues Schlafzimmer anzuschaffen. Was die Eltern da von ein paar Einheimischen hören mußten: "Was brauchen die Flüchtlinge neue Möbel, für die, sind die alten Sachen gut genug." Durch das Geschwätz ließen wir uns nicht beirren. Jeder versuchte ja sein Leben neu aufzubauen.

Als ich 1952 im sechszehnten Lebensjahr war und in die siebte Klasse ging, waren meine Mitschülerinnen erst dreizehn Jahre alt, denn ich hatte ja zwei Schuljahre durch die Flucht verloren. Da gab es für so alte Schüler wie mich die Möglichkeit, von der Schule vorzeitig ab zu gehen. Weil ich so schnell wie möglich Geld verdienen sollte, nahmen mich meine Eltern nach der siebten Klasse von der Schule.
Im selben Frühjahr, am Palmsonntag, war in Dinkelsbühl meine Konfirmation. Zu dem kleinen Fest hatten wir auch unsere Frau Schnotz eingeladen. Sie schenkte mir das goldfarbene Kreuzchen, das ich zu meinem Konfirmandenkleid trug.
Meine Schulkameradinnen gingen erst ein Jahr später zur Konfirmation, als sie, wie damals üblich, aus der achten Klasse der Volksschule entlassen wurden.
Als Ostern vorbei war bekamen wir die traurige Nachricht, daß unsere Oma, die uns durch die schwere Zeit geleitet und betreut hatte, am Karfreitag gestorben war. Sie war am 25. 12. 1872 geboren. Wir konnten nicht zum Begräbnis hinfahren und dachten deshalb zuhause mit Dankbarkeit in aller Stille an unsere liebe Oma.

Ich hätte gerne einen Beruf erlernt. Aber Lehrstellen gab es kaum und die Lehrlinge bekamen nur ganz wenig Lohn. Mein Vater meinte damals, Mädchen bräuchten keinen Beruf, weil sie ja doch bald heirateten.
So kam es, daß ich nach langem Suchen, Arbeit in einer Strumpffabrik fand, wo ich mit einem Stundenlohn von 40 Pfennigen anfing.

Damit begann für mich ein neuer Lebensabschnitt.


Autor: © 1999 - Erika Gaitsch, geb. Sakautzky (früher Schanzenkrug Kreis Tilst-Ragnit)

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Aus schlimmer Zeit



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verfaßt am 01.07.2003

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