Tilsit und die Umgebung aus geologischer Sicht
von Heinz Kebesch

Bei Betrachtung des geologischen Aufbaues der nordostpreußischen Landschaften anhand entsprechender Aufzeichnungen kommt man zum Ergebnis, daß es sich im Gegensatz zur Küstenregion der Ostsee oder zu den Gebieten der südostpreußischen Seenplatte, um ein mehr oder weniger einförmiges, fast eintöniges Land handelt. Diese Entwicklung ist auf erdgeschichtliche Vorgänge während des Eiszeitalters, der Nacheiszeit und des Quartärs zurückzuführen, das ganz Ostpreußen die entscheidenden Züge seiner heutigen Oberflächengestaltung geprägt hat.

Die Formen der Erdoberfläche unseres heimatlichen Gebietes sind sehr unterschiedlich. Die auffallendste Bodenbildung sind langgestreckte, geringfügige Erhebungen, die in nordsüdlicher Richtung laufen, bei der Stadt Ragnit vom Memeltal unterbrochen werden und nach Norden und Süden allmählich in eine weite Ebene abfallen. Fruchtbare Äcker, satte Wiesen, kleinere Wasseradern und große, oftmals unzugängliche Moore sind die Abwechslungen dieser einsamen, eintönigen Landschaft. Die in einer längeren Flußschleife bei Ragnit erkennbare breite Durchbruchstelle des Memelstromes, der sich in nordwestlicher Richtung beim Verlassen der Stadt Tilsit in die Hauptmündungsarme Ruß und Gilge teilt, war für die stete Entwicklung des Handels und der Wirtschaft der 1552 gegründeten Stadt Tilsit von entscheidender Bedeutung.

Der Memelstrom wurde zur Lebensader der Stadt und der umgebenden Memellandschaften. Auf der rechten Seite des Stromes ziehen sich die Schreitlaugker Höhenzüge hin, die Erhebungen von 75 bis 80 m aufweisen. Am Fuße des Kapellenberges zieht sich der Margensee, ein von Urzeiten stammender Memelarm hin. Westlich der Schreitlaugker Höhen liegt in der Nähe des Memelufers der sagenumwobene Rombinus. Eine naturräumliche Einheit bildet der größtenteils von Wäldern bedeckte nordöstliche Teil der Landschaften beiderseits des Memeltales. Hier handelt es sich um ein weitgehend flaches, von sandigen Ablagerungen bestehendes Land, das in die Memelniederung übergeht. Dagegen dehnt sich nördlich des Memelstromes das Memeler Plateau in durchschnittlichen Höhen von nur 40 m aus. Von diesem Plateau zweigen niedrige Erhebungen ab, die bei Windenburg in das Kurische Haff hineinlaufen.

Die Memelniederung bildet in geographischer Hinsicht ein Dreieck. Das Kurische Haff, umfangreiche Moore, der Rußstrom und das Große Moosbruch begrenzen dieses Territorium. In der geologischen Entwicklung war die Memelniederung in der Urzeit eine flache, umfangreiche Meeresbucht der Ostsee, verbunden mit dem Kurischen Haff. Die dieser Niederung zuströmenden Flüsse Memel, Ruß und Gilge setzten im Laufe von Jahrtausenden mitgeführte Sand-, Stein- und Geröllmassen in dieser Bucht ab. Dadurch entstand eine urwüchsige Landschaft, die von Bodenflächen, Teichen und Mooren bedeckt war und in Hochwasserzeiten einen großen See bildete. Durch die Ablagerungen, kam es dann zu einer Erhöhung dieses Gebietes. Erste ansiedelnde Menschen kultivierten diese Urlandschaft durch Anlegen von Deichen, Abzugsgräben und kleinen Kanälen und schufen somit ein fruchtbares, ertragreiches Kulturland, das bis 1945 im nordostpreußischen Raum eine bemerkenswerte ernährungswirtschaftliche Stellung einnahm. Trotz des ständigen Kampfes mit den Naturgewalten, des immer wiederkehrenden jährlichen Hochwassers, dem harten winterlichen Klima standen die Bewohner dieses einsamen, fast von aller Welt abgeschiedenen Gebietes treu zu ihrer heimatlichen Erde.

Wie die Geschichte aufgrund geologischer Erkenntnisse lehrt, ist der Memelstrom in der Urzeit durch das Instertal, den Pregel und in südwestlicher Richtung in das Frische Haff abgeflossen, da ihm der kürzere Weg nach Westen in das Kurische Haff durch größere aufgestaute Eisformationen und einem Geröll- und Schuttwall der Endmoränenbildung im Bereich der Willkischker Höhenzüge und der Obereißener Erhebungen in der Nähe von Ragnit versperrt war. Erst als das Eis abschmolz und der Memelstrom die Gletscher- und Geröllbarriere durchstoßen hatte, konnten die Wasser der Urmemel ihren Weg durch die Ragnit-Willkischker Höhen nehmen und ihren Lauf in das Kurische Haff bahnen Bei diesem Weg, den sich der Memelstrom in Urzeiten geschaffen hatte, umrundete er in der damaligen Zeit den Rombinus, die Dörfer Bardehnen, Schakeningken und Prussellen und gelangte bei Campen wieder in das heutige Flußbett. Nach der großen Schneeschmelze im Frühjahr und dem Abklingen des starken Eisganges war durch das eintretende Hochwasser stets Gefahr vorhanden, daß der Strom zwischen Schakeningken und Prussellen das Bett des kleinen Flüßchen Jage durchbrach und daß das dort vorhandene Hochwasser weiterhin anstieg. Erst Anfang 1673 wurde ein Durchstich bei Krakonischken-Campen, der die Krakonischker Bucht abschnitt, zur Verbesserung der unzureichenden Flußregulierung ausgeführt. Reste dieses stillgelegten Flußlaufes sind unter der Bezeichnung "alte Memel" bekannt.

Im Jahre 1837 plante das Wasserschutzamt Königsberg (Pr.) eine Regulierung durch die Lankas-Wiesen das heißt, Begradigung der Flußschleife des Memelstromes Ragnit-Bittehnen-Kummabucht in der Nähe des Tilsiter Schloßberges, die jedoch nicht ausgeführt wurde, weil man glaubte, und eingehende Überprüfungen bestätigten diese Annahme, daß der jährliche Eisstau bei Ende des Winters am Schloßberg für die Memelniederung günstiger sei, da die Deiche bei Kaukehmen und Umgebung durch einen langsameren Abfluß des Eisganges weniger gefährdet wären.

Bei Tilsit befanden sich in Urzeiten zwei Memelinseln, die am Rande der späteren Stadtgrenzen lagen. Eine oberhalb der Stadt gegenüber dem Ortsteil Tilsit-Preußen, "Oberwerder" genannt, die andere unterhalb der Stadt mit der Bezeichnung "Unterwerder". Der südliche Memelarm zwischen der Insel "Unterwerder" und des Festlandes hieß ursprünglich "die Stolbeck". Nach Versandung des südlichen Memelarmes ging der Name "Stolbeck" auf das durch Anschwemmung von Erde, Sand und Steinen geschaffene Gebiet über. Erwähnenswert ist, daß der Memelstrom vor der Versandung des Südarmes in der Nähe der früheren Seilerstraße vorbeifloß. Das ursprünglich erhöhte Memelufer dürfte am früheren Kapellenfriedhof noch vorhanden sein, es sei denn, daß der derzeitige russische Stadtrat nach 1945 in dieser Ortslage Straßenveränderungen vorgenommen hat.

Im Stadtgebiet Tilsit befanden sich lange vor der Besiedlung kleinere, seenartige Teiche und ebenfalls sumpfiges Gelände. So lag die frühere Garnisonstraße zwischen der Wasserstraße und Langgasse ursprünglich tief. Bei den späteren Kanalisationsarbeiten stieß man auf schwarze Erde und Faschinen, was auf größere Erdaufschüttungen schließen läßt. Auch die frühere Goldschmiedestraße lag nach historischen Berichten tief. Dagegen hatte die Deutsche-, Hohe- und Packhofstraße eine höhere Straßenlage. Umfangreiche und kostspielige Tiefbauarbeiten waren damals sicherlich notwendig, um das unterschiedliche Niveau des Geländes der Innenstadt auszugleichen. Die beiden höchsten Erhebungen innerhalb der Stadtgrenzen Tilsits dürften bei Ballgarden (Gut Punkt) mit 38,8 m und bei der Napoleonslinde in der Nähe des Gasthauses Drangowsky mit 42 m u.d.M. sein, Das hinter dem Park von Jakobsruhe befindliche Fichtenwäldchen, die Putschine, war bei der Stadtgründung bereits vor handen

Zur Vollständigkeit des Themas gehört auch eine Betrachtung über die geologische Entwicklung des ein Quadratkilometers großen Schloßmühlenteiches in Tilsit, der bei der Stadtgründung noch nicht vorhanden war. In historischen Überlieferungen wurde im Jahre 1384 zwar Tilsit nicht mit dem späteren Stadtnamen Tilsit erwähnt, sondern der Bach die "Tilsete", "Tilss" oder auch "Tilse" genannt, der unserer Heimatstadt den Stadtnamen Tilsit gegeben hat. Die Quelle der Tilszele liegt im südlichen Teil des Kreises Tilsit-Ragnit, in dem Wäldchen von Meldienen-Patilßen, das von der Bahnstation Paballen (Eisenbahnstrecke Tilsit-Szillen-Grünheide-lnsterburg-Königsberg) nur etwa fünf km entfernt liegt. Gemessen an Seen und Flüssen unserer ostpreußischen Heimat war die Tilszele nur ein kleiner Bach, dem wir aber die Entstehung des Schloßmühlenteiches verdanken, denn der im Jahre 1562 amtierende Tilsiter Amtshauptmann Caspar von Nostiz ließ im Auftrage des Herzogs Albrecht die Tilszele- oder Tilsemündung an der späteren erbauten Schleusenbrücke aufstauen und schuf damit aus wirtschaftlichen Gründen den Schloßmühlenteich, um eine Wassermühle anzulegen


Im memelsüdseitigen Gelände sind noch die Smalupp, das Sandfließ und die Meerwisch zu nennen. Die Bezeichnungen dienten in der Gründerzeit der Stadt zur Kenntlichmachung von Orts- oder Gebietsgrenzen. Die Smalupp bildete teilweise die Grenze des damaligen städtischen "Säelandes". Bis zum Sandfließ reichte für die Bewohner die Gerechtigkeit freien Brennholzes und der Viehtrift. Durch Aufstauen der Smalupp, die aus dem Schilleningker See (auch Wald- oder Heidensee genannt) südwestlich von Splitter kam, bildete sich in einer größeren Geländesenke dann der Splitterer Teich, an dessen Anfang eine Wassermühle eingerichtet wurde. Im Jahre 1812 entstand aus dieser Wassermühle die "Getreidemühle und Seifenfabrik der Firma Joh. Fr. Bruder",

Von der Smalupp zweigte ursprünglich ein kleiner zur Tilszele-Tilse fließender Bach ab, die Meerwisch, welche vielleicht heute noch vorhanden ist. Nachdem die Meerwisch durch einen Durchlaß unter den Bahngleisen bei der Jakobsruher Bahnüberführung in den Park von Jakobsruhe gelangt ist, hier infolge Aufstauung künstlicher Teiche - so den "Goldfischteich" - gebildet hat, fließt sie eine Strecke verdeckt, tritt im Johann-Wächter-Park wieder zu Tage, fließt dann wieder verdeckt, bis sie am Ende bei der Mündung in die Tilszele bzw. in den Schloßmühlenteich eintritt. Im memelnordseitigen Gelände war die "Uszlenkis" lange vor der Stadtgründung bereits vorhanden, wenn sich auch ihr Bett infolge der jährlichen Frühjahrsüberschwemmungen der Memel oft versetzte. Dadurch ergaben sich etwa vier bis fünf parallele Gewässerstreifen, deren nördlichster, breitester die "Uszlenkis" war. Sie führte zu damaliger Zeit die Namen "Kranich-See", "Kranchen-See" und östlich der Bahnstrecke Tilsit-Memel "Brücken-See". Ein mit der "Uszlenkis" kleinerer zusammenhängender See, der "Falkensee", diente bis1922 dem Schwimm-Club-Tilsit e.V .von 1910 als Bad.

Für die Förderung der Wirtschaft und mit der damit verbundenen Ausweitung des deutschen Ostverkehrs wurde im Jahre 1875 die Tilsiter Eisenbahnbrücke mit ihren fünf großen Bogen und der Drehbrücke in einer Länge von 536 m, die längste aller Memelbrücken, erbaut. Es war insgesamt gesehen ein sehr kostspieliges Projekt, waren doch in dem über vier Kilometer breiten Memeltal nicht nur der rd. 250 m breite Memelstrom, sondern auch seine Altströme, die "Uszlenkis" und die "Kurmerszeris" zu überbrücken, um eine statisch einwandfreie Streckenführung der Bahn zu ermöglichen. Für die Brückenbauer gab es infolge des unterschiedlichen Geländes schwierige Probleme.

Zu den wassertechnischen Schwierigkeiten, die durch die jährlichen Überschwemmungen des Memelstromes der nordostseitigen landwirtschaftlichen Gebiete ausgelöst wurden, traten die ungünstigen geologischen Verhältnisse durch die stark wasserundurchlässige Bodenstruktur der angeschwemmten Böden in den Niederungen und der großen Haftfähigkeit des Grundwassers in den höher liegenden Geschiebemergelschichten der Willkischker Erhebungen hinzu. So waren in den Überschwemmungsgebieten überwiegend verbesserungsbedürftige Böden vorhanden. Andererseits war der Winter bei dem östlichen Festlandklima sehr lang, kalt und trocken und dauerte in der Regel sechs bis sieben Monate. Gewiß, der warme und trockene Sommer beschränkte sich auf die Monate Mitte Mai, Juni, Juli und August. Der Frühling und Herbst waren sehr kurz, so daß die Bestellung der Felder in ungünstigen Jahren auf ungedränten Böden erst zum 1. Juli beendet werden konnte. Damit war die Wachstumsperiode zu kurz, um eine ausgereifte Ernte sicherzustellen.

Aus diesen Gründen waren eine geordnete Wasserwirtschaft und Präventivmaßnahmen, um Überschwemmungskatastrophen abzuwehren oder mindestens einzudämmen, eine wichtige Voraussetzung zum Schütze der Bevölkerung und der Landwirtschaft im nordostpreußischen Bereich. Nach historischen Berichten sind die ersten Ansätze zur Förderung des Landeskultur des Ordenslandes bereits durch umsichtige Maßnahmen des Deutschen Ordens erfolgt, der zum Beispiel die Siedler veranlaßte, durch Wassereinbrüche gefährdete größere Grundstücksflächen und Gehöfte mit hochwasserabwehrenden Erdwällen zu umgeben. Systematische Deichbauten und entsprechende Entwässerungen sind aber erst in den Regierungszeiten der Großen Kurfürsten und in verstärktem Maße unter König Friedrich Wilhelm I. durchgeführt worden. Diese vorher erwähnten ersten vorsorgenden wasserwirtschaftlichen Maßnahmen früherer Zeit wurden auf Anordnung der staatl. Provinzialbehörde - Königsberg (Pr.) - Wasserwirtschafts- und Oberdeichamt - durch Gründungen von 147 Wasser- und Bodenverbänden bei der Stadt Tilsit einschl. der Niederung, den Gemeinden der Landkreise Tilsit-Ragnit und Pogegen aktiviert.

Autor : © 2003 Heinz Kebesch
Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 33/2003
Literatur:
1. Geologie von Ostpreußen - A.Tornquist, Berlin 1910.
2. Bau-und Kulturgeschichte Tilsit - Thalmann Band 1 - 1923. Verlag J. Schoenke Tilsit - 1923.
3. Tilsit-Ragnit - Ein ostpreußisches Heimatbuch - Brix-Holzner-Verlag Würzburg 1971.

Vorwort



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 05.03.2004
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 28. Januar 2011