Rund um's Rathaus
Aus der Arbeit der Stadtverwaltung von 1900 bis 1945
von Richard Lindenau

In meinem Bericht, der nach dem Gedächtnis niedergeschrieben ist, will ich nun versuchen, das Wesentliche an aufbauender städtischer Verwaltungsarbeit seit der Jahrhundertwende zu bringen. Im Jahre 1900 übernahm Oberbürgermeister Eldor Pohl die Führung der Tilsiter Stadtverwaltung von seinem Vorgänger Thesing. Die energische Persönlichkeit des neuen Stadtoberhaupts wirkte sich überaus fortschrittlich auf allen gemeindlichen Aufgabengebieten aus. Sie verstand es, auch die Reichs- und Staatsbehörden und private Vereinigungen für eine vermehrte Förderung von Wirtschaft und Verkehr, von Bautätigkeit und Stadtverschönerung zu interessieren.

In mehreren Bauabschnitten entstanden am Memelstrom als der Lebensader der Stadt moderne Uferanlagen und Ladestraßen, die bei jedem Wasserstand zu benutzen waren. Nun war es an der Zeit, auch die schiffahrtsbehindernde, historische Schiffbrücke für immer abzuschwenken. Das Bauvorhaben einer festen Straßenbrücke wurde nach Überwindung mancher Schwierigkeiten genehmigt und nach mehrjähriger Arbeit konnte am 18, Oktober 1907 die Königin Luise-Brücke dem Verkehr übergeben werden, Damit wiederum wurde es möglich, die Kleinbahnstrecke Schmalleningken - Pogegen durch den Bau einer Zubringerstrecke Mikieten - Tilsit an die Umschlagseinrichtungen der städtischen Uferanlagen anzuschließen. Die Strecke wurde für elektrische Zugförderung fertiggestellt. Am nördlichen Memelufer erbaute die Stadt neben der Brücke das geräumige Brückenkopfrestaurant mit der für Kaffeestündchen sehr beliebten Südterrasse.

Großer Wert wurde auf den Ausbau des Kanalisations- und Straßennetzes gelegt. Die neugegründete Elektrizitätswerk- und Straßenbahn A.G. wurde verpflichtet, vom 1. Juli 1900 ab einen Ringlinienverkehr in der Innenstadt und Anschlußstrecken nach den Vororten zu betreiben. Man erwog sogar kurze Zeit wegen der damals in südostwärtiger Richtung weisenden städtebaulichen Entwicklung der Stadt den Anschluß der Nachbarstadt Ragnit an den Tilsiter Straßenbahnbetrieb.

Der Schloßmühlenteich gereichte in seinem damaligen Zustand der Stadt nicht zur Zierde. Die unzulänglichen Übergänge der Schleusen- und der Pfennigbrücke wurden durch massive Neubauten ersetzt. Im Zuge der Wasserstraße wurde eine neue, sich dem Landschaftsbild gut einfügende Verbindung durch eine Holzbrücke geschaffen. Diese Brücke und die Ländereien des von der Stadt etwa 1908 angekauften Gutes Ballgarden (Schäferei) ließen die schnelle Erschließung des Stadtteils Überm Teich zu. Bald wurden die Reihen neuer Villen drüben von dem imposanten Neubau des Realgymnasiums überragt, hinter dem die neue Stadtgärtnerei mit dem Botanischen Garten, der immer beliebter werdende Anziehungspunkt für zahlreiche Besucher wurde. Südlich des Kreishauses und des Schützengartens errichtete der Verein zur Schaffung von Kleinwohnungen e.V., in dem die Stadt maßgeblich beteiligt war, Reihenhäuser mit gesunden, billigen Wohnungen. Die Neustädtische Volksschule wurde die modernste städtische Schule. Am Ende der weitergeführten Stiftstraße wurde das Altersheim erbaut, in dessen Nähe etwas später das Krönungs-Jubiläums-Stift.

In jahrelanger Arbeit erwuchs aus Sumpfflächen und Schuttabladeplätzen rund um den Schloßmühlenteich ein Gürtel gepflegter Grünanlagen. Die Schäferei wurde Gartenrestaurant. Die nach Osten anschließende Wiese wurde als Jugendspielplatz der erste städtische Sportplatz. Daneben erstanden hier die ersten städt. Tennisplätze.
Der damals noch der Gesellschaft der Landbesitzer gehörende Park von Jakobsruh war dank der Tätigkeit des Garten- und Verschönerungsvereins eine weit über Tilsit hinaus bekannte Sehenswürdigkeit geworden. 1901 wurde hier das in würdiger Umgebung errichtete Denkmal der Königin Luise durch Kaiser Wilhelm II. eingeweiht.1905 fand hier die nicht zuletzt durch die Initiative der Stadt zustandegekommene große Gewerbeausstellung statt. Die stehengebliebene Ausstellungshalle A ermöglichte etwa 1910 die Durchführung eines großen mehrtägigen Musikfestes unter der Stabführung von Musikdirektor Wolff. Beide Veranstaltungen offenbarten aufs Eindrucksvollste die Weiträumigkeit der wirtschaftlichen und kulturellen Ausstrahlungen der aufstrebenden Stadt.,

Aus den Überschüssen der Gewerbeausstellung wurde die Promenade nach dem Stadtwalde erbaut und damit ideale Ausflugsmöglichkeiten für die Tilsiter erschlossen. Die etwa gleichzeitige Errichtung der Haltestelle Tilsit-Stadtheide für den "rasenden Litauer" diente dem gleichen Zweck.
Im Westen, damals noch außerhalb ihrer Grenzen, legte die Stadt den Waldfriedhof an, aus dessen parkartigen Anlagen sich das Krematorium erhob, eine der ersten Feuerbestattungsanlagen in Deutschland. Dem Waldfriedhof gegenüber, westlich, der Graf Keyserlingk-Allee, wurde der Rennplatz des Tilsiter Rennvereins angelegt. Geläuf und Tribünenbauten galten als eine der größten und schönsten Sportanlagen des deutschen Ostens. Bis dahin wurden die Pferderennen auf den Camper Wiesen in Übermemel gelaufen. Die , Rennen, bei denen sich die besten Reiter und Pferde Nordostpreußens am Start trafen, waren sportliche Ereignisse, an denen die ganze Stadt Anteil nahm. Sie erfreuten sich reger Förderung durch die Stadtverwaltung.

Der Stadtteil westlich der Bahn erhielt einige Jahre vor dem ersten Weltkriege ein neues Wahrzeichen in Gestalt des neuen Wasserturms, wohl des höchsten begehbaren Bauwerks Tilsits. Er war neben dem Wasserturm auf dem Engelsberg das hauptsächlichste Wasserreservoir des Grundwasserwerks Übermemel. Mitten durch den riesigen Wasserbehälter des nebenbei als Aussichtsturm gedachten Zweckbaus führte in einem eisernen Zylinder eine Wendeltreppe nach der oberen Plattform, die dem Besucher einen wundervollen Rundblick über die Stadt und die weitere Umgebung freigab.
Das einige Jahre vor der Jahrhundertwende erbaute Stadttheater - auch hierzu war der Stadt die großzügige Spende eines Tilsiter Bürgers zugeflossen - erschien in den Haushaltsplänen mit namhaften Zuschüssen, die einen anerkannt künstlerisch hochstehenden Theaterbetrieb unter bewährten Direktoren gewährleisteten.

Das kirchliche Leben im Südwestteil der Stadt erfuhr eine wesentliche Belebung durch den Bau der neuen Kirche am Meerwischpark. Jäh hieb im August 1914 die harte Faust des Krieges in diese friedliche Aufbautätigkeit.
Neben den vielseitigen Aufgaben, die sich aus der Kriegslage für die Stadtverwaltung ergaben, übernahm Oberbürgermeister Pohl beim Herannahen der Russen noch die Geschäfte einiger Behördenvorstände, die sich der Flucht der Zivilbevölkerung angeschlossen hatten. Seinen zähen und entschlossenen Bemühungen verdankte die Stadt die Erhaltung der beiden Memelbrücken, zu deren Sprengung ein deutsches Pionierkommando in der Nacht vom 24./25. August 1914 bereits in Tilsit eingetroffen war. Von ganz geringen Ausnahmen abgesehen, war die städt. Beamtenschaft auf ihrem Posten geblieben, als nach kurzen Abstechern am 24. und 25. August die russischen Truppen am 26. August die Stadt besetzten, um erst am 12. September nach kurzem Gefecht dem Druck der Deutschen zu weichen. Der russische Kommandant griff im allgemeinen nicht in Einzelheiten der Verwaltung ein, mußte aber über alle Angelegenheit unterrichtet werden. Dazu fuhr der Oberbürgermeister täglich in dem städtischen Landauer zur Dragonerkaserne.


Es gelang, die Ruhe und Ordnung aufrecht und das Wirtschaftsleben in Gang zu halten. Der Schulunterricht wurde fortgesetzt. Die städtische Polizei versah, verstärkt durch Bürger, ihren Dienst in Zivil. Russische Zwangsmaßnahmen konnten durch Zahlung einer Kriegskontribution abgewendet werden. Der Knappheit an Zahlungsmitteln wurde durch Herausgabe eines städtischen Notgeldes begegnet.

In der außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung am 14. September 1914 wurden in Anerkennung ihrer Verdienste um die Stadt während der Russenherrschaft Oberbürgermeister Eldor Pohl zum Ehrenbürger von Tilsit ernannt und sein Adjutant in dieser schweren Zeit, Magistratsassessor Karl Teschner, zum besoldeten Stadtrat gewählt. Als im weiteren Verlauf des Krieges die Fronten nach Rußland hineingetragen wurden, war Oberbürgermeister Pohl, in Tilsit vertreten durch den Zweiten Bürgermeister Erhard Rohde, lange Zeit Stadthauptmann von Wilna.
Den in den Kämpfen um Tilsit Gefallenen beider Nationen und den in Tilsiter Lazaretten verstorbenen Soldaten wurden würdige Ruhestätten auf dem Waldfriedhof und in der Stadtheide bereitet. Die durch das Gefecht von Splitter vom 13. September 1914 verursachten Schäden am Krematorium wurden sofort beseitigt.

Größere Bauvorhaben konnten, abgesehen vom weiteren Ausbau des Memelufers zwischen Sprindgasse und Schlachthofhafen, während des Krieges nicht durchgeführt werden. Mit zunehmendem Druck belasteten die Ausgaben des sozialen Sektors den Stadthaushalt.
Ausgangs des Krieges gingen die von der Landadministration verwalteten Liegenschaften der Gesellschaft der Landbesitzer in das Eigentum der Stadt über. Es zählten hierzu der Stadtwald mit den Gaststätten Kuhlins, Waldschlößchen und Waldkrug, ein landwirtschaftliches Grundstück in der Stadtheide, Jakobsruh, die Putschine, das Milchhäuschen in der Grünwalderstraße, das Wiesenwärterhaus und Wiesen in Übermemel.

Die Auswirkungen des verlorenen Krieges trafen Tilsit mit besonderer Schwere. Das Versailler Diktat, das die abstimmungslose Abtrennung des deutschen Gebiets nördlich der Memel bestimmte, machte Tilsit zur Grenzstadt. Was Hunderte von Jahren ein organisches Ganzes gebildet hatte, wurde willkürlich zerrissen. Die Stadt wurde des größten Teils ihres landwirtschaftlichen Hinterlandes beraubt. Sie büßte mit dem Stadtteil Übermemel ihre günstige wirtschaftliche Lage zu beiden Seiten des schiffbaren Stromes ein. Die früheren, sehr regen Handelsbeziehungen mit Rußland wurden durch die Bildung der baltischen Randstaaten zerschnitten, der blühende Holzhandel und die Schneidemühlenindustrie lahmgelegt.

Es bedurfte schon der ganzen Tatkraft von Verwaltung und Wirtschaft, um der schwierigen Lage der Stadt an Deutschlands blutender Nordostgrenze Herr zu werden.
Die erste Sorge galt der Verminderung der Wohnungsnot. Es entstanden die städtischen Wohnblocks am Marienfriedhof und in der Friedrichstraße, die Feuerwehrhäuser in der Sommerstraße, die Holzhäuser in der Flottwellstraße und Sperlingslust.
Einige Gebietserweiterungen fallen in die ersten Nachkriegsjahre. Kurz nach Kriegsende wurden die Vororte Tilsit-Preußen, Kalikappen, Stolbeck und Splitter in den Stadtkreis Tilsit eingemeindet. Sie lagen an den Ausfallstraßen der Stadt und ihre Interessen wiesen sie seit langem dorthin.

So war die Verwaltungsmaßnahme der Eingemeindung nur der formelle Schlußstrich unter eine zwangsläufig eingetretene Entwicklung. Durch das Gesetz über die Neuordnung der kommunalen Verfassung und Verwaltung in der Ostmark vom 21. Juli 1922 wurden "mit Rücksicht auf die Abtretung preußischer Landesteile durch den Vertrag von Versailles" die zum Restkreis Tilsit (Land) gehörigen Gemeinden Schillgallen, Dwischaken, Kallwen, Kaltecken, Senteinen, Moritzkehmen sowie der Gutsbezirk Paszeigsten mit dem Stadtkreise Tilsit vereinigt. Diese Regelung trat mit dem 1. Juli 1922 in Kraft und war das Ergebnis langwieriger Verhandlungen. Sie gab der Stadt wenigstens die Möglichkeit, den in Übermemel geplant gewesenen Holz- und Industriehafen nunmehr auf dem stadtseitigen Memelufer unterhalb der Stadt anzulegen. Ein weiterer Erfolg der Verhandlungen war die Beibehaltung Tilsits als Sitz der Kreisverwaltung auch für den neugebildeten Landkreis Tilsit-Ragnit.

Die durch die Lockerung der Rechtsbegriffe und die Nähe der Grenze gestiegene Kriminalität zwang zu einer Verstärkung der Polizeiexekutivbeamten, die sämtlich mit Schußwaffen ausgerüstet wurden. Die schöne Zeit, in der der Polizeisergeant alten Stils sich allein durch imponierende Körperfülle, Schnurrbart, Pickelhaube und allenfalls noch Rasseln des Säbels durchzusetzen vermochte, war endgültig vorüber. Die städtische Feuerwehr - in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als eine der ersten Berufsfeuerwehren Ostpreußens gegründet - wurde durch Beschaffung eines automobilen Feuerlöschzuges und einer Feuermeldetelegraphenanlage modernisiert. Diese Ausgabe wurde zum Teil durch Spenden finanziert, die von Tilsiter Gewerbetreibenden gemacht wurden.

Durch den Ausbau des alten Reichsbankgebäudes in der Wasserstraße wurden zweckmäßige Räume für die städtische Sparkasse und für die Stadtbücherei und Lesehalle geschaffen. Es gelang ferner, das Stadttheater, nunmehr Grenzlandtheater, mit staatlicher Unterstützung als Intendanztheater durch alle Fährnisse der Zeit hindurchzuführen.
Eine ganze Reihe von Selbstverwaltungs- und Auftragsangelegenheiten nahm einen um das Vielfache gesteigerten Umfang an: Arbeitsvermittlung und Erwerbslosenfürsorge, Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenfürsorge, Kriegsschadensachen, Mieteinigungsamt, Wirtschaftsamt. Mit zunehmender Geldentwertung steigerte sich die Inanspruchnahme des Wohlfahrtsamts, setzte die Kleinrentnerfürsorge ein. Alle diese Gebiete wurden noch überschattet durch die Zuwanderung von Deutschen aus dem abgetrennten Memelgebiet.

Zur Aufnahme der zahlreichen, in Privathäusern untergebrachten neuen Dienststellen wurde das Willdorf'sche Haus, Deutsche Straße, Ecke Packhofstraße angekauft und mit seinem Umbau zum "Stadthaus" begonnen. Das Hausgrundstück des Konditoreibesitzers Franz Rautenberg, Hohe Straße 28, wurde von der Stadt für die Errichtung der Stadtbank erworben.

Im Zahlentaumel der immer schneller fortschreitenden Inflation waren die städtischen Einrichtungen schließlich nur noch mit staatlicher Hilfe aufrechtzuerhalten. Ein Planen auf weite Sicht war nicht möglich.
Kurze Zeit nach der Einführung der Rentenmark, im Frühjahr 1924, trat Oberbürgermeister Pohl in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Oberbürgermeister Dr. Ernst Salge.
Nach dem Zeitalter der Flucht in die Sachwerte normalisierte sich das Leben im Lande erstaunlich schnell. Jetzt erst zeichneten sich die Auswirkungen der Grenzziehung in voller Schärfe ab, konnte man übersehen, in welchem Maße die Finanzkraft der Stadt Tilsit dadurch geschwunden war. Es gelang dem neuen Oberbürgermeister, bei den Zentralstellen in Berlin das richtige Verständnis für die Notlage und die Aufgaben der neuen Grenzstadt zu erwecken. U.a. besuchte der Ostausschuß des preußischen Landtages die Stadt "des Deutschen Reiches zugiges Nordostfenster", wie sie der Oberbürgermeister bei dieser Gelegenheit bezeichnete. Der Ausschuß nahm die Erkenntnis mit, daß der außerordentlichen Lage nur durch außerordentliche Maßnahmen und Mittel wirksam begegnet werden könne. Es wurden verlorene Zuschüsse bereitgestellt, die Finanzzuweisungen geändert und Mittel aus Auslandsanleihen flüssig gemacht.

Nun konnten die dringenden Aufbauarbeiten fortgesetzt werden. Auf einem Rost von vielen hundert Betonpfählen gegründet, erwuchs der imposante Betonbau des Hafenspeichers aus der oberen Ladestraße der Uferanlagen zwischen Wasserstraße und Sprindgasse. Fahrbare Krane und Transportbänder besorgten den Umschlag der Wirtschaftsgüter von Schiff auf Fahrzeuge, Bahn und umgekehrt. Die Zollstelle Hafen war hier untergebracht, während der Tilsiter Festwoche auch ein Dachgartenrestaurant auf der oberen Plattform des Speichers. Der Ende 1928 eingeweihte Hafenspeicher war der sichtbare Ausdruck des nicht unterzukriegenden Schaffensgeistes der Grenzstädter. Das Schienennetz der städtischen Uferbahn wurde verdichtet, eine Rangierlokomotive angeschafft und das Industriegelände zwischen Sprindgasse und Schlachthofhafen erschlossen. Das Gaswerk der Stadt errichtete dort eine Kohlenentladeanlage.

Das Stadt. Krankenhaus in der Kohlstraße genügte bei der erheblichen Zunahme der Einwohnerzahl der Stadt nicht mehr den Anforderungen. Durch großzügige Um- und Anbauten wurde es bis zur Wasserstraße erweitert. Die in mehreren Bauabschnitten durchgeführten Arbeiten erstreckten sich über mehrere Jahre. Das ehemalige Garnisonlazarett in der Rosenstraße wurde erworben und dem Krankenhaus als Seuchenstation angegliedert.


Eine neue Welle der Neubautätigkeit setzte ein. Auf dem Gelände des von der Stadt angekauften Gutes Ballgardehlen entstand die freundliche Siedlung mit den der Singvogelwelt entlehnten Straßennamen. In dem Stadtteil westlich der Eisenbahn, zwischen Yorck-, Hindenburgstraße und dem Splitterer Mühlenteich wurden ganz neue Wohnviertel geschaffen. Die Stadt selbst baute 63 Wohnungen an der Acker-, Wilhelm- und Flottwellstraße.
Ein Teil der für die Bauten der Stadt benötigten Mauersteine wurde in der Ziegelei hergestellt, die mit zum Gut Ballgardehlen gehört hatte und nun einige Jahre in städtischer Regie betrieben wurde.
Das Grundwasserwerk Übermemel lag mit seinen Tiefbrunnen nach der Abtrennung des Memellandes außerhalb der Reichsgrenzen. Das war ein unhaltbarer Zustand. Es wurde daher ein neues Wasserwerk in der Stadtheide in der Nähe des "Waldschlößchen" erbaut, dessen Brunnen- und Pumpenanlagen im Stadtwalde rumorten. Die Kosten des Baues übernahm in voller Höhe das Reich.

Den Anschluß an die europäischen Fluglinien vermittelte der städtische Flugplatz weit im Westen der Stadt. Er wurde fahrplanmäßig durch die Verkehrsflugzeuge der "Lufthansa" und der "Deruluft" im Streckenverkehr Berlin - Moskau angeflogen. Die Dachterrasse des Flughafenempfangsgebäudes wurde ein beliebtes Ausflugsziel der Tilsiter. Zur Unterbringung der im Jahre 1927 verstaatlichten Polizei errichtete die Stadt in der Fabrikstraße die Staatl. Polizeidirektion, einen an die Ordensbauweise anknüpfenden Klinkerbau. Das Land Preußen übernahm anstelle einer Mietzahlung den Schuldendienst für das Gebäude. In unmittelbarer Nähe der Polizeidirektion erhielt das Arbeitsamt seinen Platz. Den Bemühungen der Stadtverwaltung war es zu verdanken, daß die Landesversicherungsanstalt Ostpreußen ihre neu zu errichtende zweite Lungenheilstätte nach Tilsit legte. Im Stadtwald fand sich das für die Heilstätte geeignete Gelände.
Trotz aller dieser Baumaßnahmen blieb Tilsit die Stadt mit einer ungewöhnlich hohen Arbeitslosenzahl. Das hatte seine Ursachen in dem Erliegen des Holzhandels und der Sägewerksindustrie, aber auch in dem ständigen Zustrom von Optanten aus dem Memelgebiet. Diese konnten schließlich nur noch in dem Optantenlager in der Hindenburgstraße untergebracht werden.

Zur Verminderung der Arbeitslosigkeit wurden zahlreiche Notstandsmaßnahmen mit Grundförderung aus der werteschaffenden Arbeitslosenfürsorge durchgeführt. Ihnen verdankte Tilsit eine wesentliche Verschönerung des Stadtbildes.

Der wenig gepflegte Anger, bis dahin Platz für Pferde- und Jahrmärkte, wurde 1927 zu einer vorbildlichen Grünanlage umgestaltet, die einen Aufmarschplatz umschloß und einen vielbewunderten Schmuck durch das Elchstandbild erhielt. Der für den Nordteil des Platzes vorgesehene Zierbrunnen kam leider nicht mehr zur Ausführung. Von der Einmündung des Tilsebaches in den Schloßmühlenteich aufwärts bis hinauf zur Eisenbahnüberführung der Stallupöner Strecke wurden einige Kilometer neuer Promenadenwege angelegt. Wesentliche Verbesserungen erfuhren ferner die bereits bestehenden Parkanlagen.

Neben dem Schwimmbad des Schwimmclubs Tilsit 1910 wurde eine städt. Freibadeanstalt in der Tilse eröffnet. Eine weitere Freibadeanstalt mit Umkleidehallen erhielt ihren Platz am Memelstrom auf dem Gelände der früheren Sternkopf'schen Maschinenfabrik, deren große Maschinenhalle zu der Jahnturnhalle und zu einem Lichtspielsaal für die Schulen umgestaltet wurde. Der Sicherung der Badefreudigen an der Memel diente die Einstellung von Rettungsschwimmern.
Dem Rasensport wurden neue Wirkungsstätten durch den Ausbau des Pruzzen-, des Yorck- und des Tilseplatzes erschlossen. Die großzügigste Sportanlage wurde die Hindenburgkampfbahn zwischen Putschine, Jakobsruh und Grünwalderstraße. Hierzu stiftete der Reichspräsident von Hindenburg einen namhaften Beitrag aus seinen Verfügungsmitteln. Dem freiwilligen Arbeitsdienst unter Leitung des Herrn Kurt Behrendt verdankte die Stadt den Ausbau von Radfahrwegen zum Stadtwalde und durch die schönsten Teile der Forst.

Nun zu der Betätigung der Grenzstadt Tilsit auf kulturellem Gebiet! Da war zunächst der Neubau der Hindenburgschule gegenüber dem neuen Pferdemarkt in der Friedrichstraße. Er sollte der Schulraumnot im Stadtteil westlich der Bahn abhelfen. Dann erhielten die Handels- und Berufsschulen neuzeitlich eingerichtete Räume in der von der Stadt erworbenen früheren Auswanderer-Kontrollstation der Hapag und des Norddeutschen Lloyd in der Stolbeckerstraße.
Durch den Umzug der Stadt. Sparkasse in die Bankräume des sparkasseneigenen Grundstücks Hohe Straße 75 wurden die Räume für einen weiteren Ausbau der Stadtbücherei und Lesehalle im Hause Wasserstraße 30 frei. Der Seitenflügel dieses Gebäudes nahm das neubegründete Grenzlandmuseum auf. Dieses konnte seine Bestände aus den reichhaltigen Funden vergrößern, die im Sommer 1933 bei den Ausgrabungen von Wikingergräbern in Linkuhnen gemacht worden waren.
Bei dieser Gelegenheit sei der Ehrungen gedacht, die die Stadt den Verdiensten und dem Andenken des Professors Gustaf Kossinna zuteil werden ließ, des in Tilsit gebürtigen Altmeisters der Vorgeschichte. Seine Büste und die Kossinna-Literatur fanden ihren Platz im Grenzlandmuseum. Die bisherige Querstraße erhielt seinen Namen. "Hanneken", der in Tilsit geborenen Dichterin Johanna Wolff, wurde bei ihrem Besuch in der Heimatstadt das Ehrenbürgerrecht verliehen. Die Meerwischschule führte seitdem den Namen der Dichterin.

Die Gleichschaltungsbestrebungen der Jahre 1933/35 brachten auch der Stadtverwaltung Tilsit Änderungen in der Stellenbesetzung der leitenden Beamten. Nachfolger des anfangs 1934 in den Ruhestand versetzten Oberbürgermeisters Dr. Salge wurde Oberbürgermeister Dr. Mix, der allerdings nur verhältnismäßig kurze Zeit in Tilsit blieb. Am 1. September 1937 trat Oberbürgermeister Fritz Nieckau sein Amt an - als letzter deutscher Oberbürgermeister unserer Heimatstadt.
Die im Sommer 1933 einsetzende Wirtschaftsbelebung wirkte sich auch für Tilsit durch einen beachtlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit aus, der den städtischen Haushalt auf dem Gebiete der Wohlfahrtserwerbslosenfürsorge entlastete. Oberbürgermeister Dr. Mix erreichte dazu durch größte Sparsamkeit und durch Inanspruchnahme sämtlicher noch vorhandener Rücklagen, daß die aus der Zeit der Massenarbeitslosigkeit herrührende kurzfristige Verschuldung der Stadt behoben wurde.
In die Aera Dr. Mix fallen ferner der Neuputz und Anstrich des Rathauses, die Erweiterung des jungen Grenzlandmuseums durch Einbeziehung eines benachbarten Speichers, der Bau des Thingplatzes in Jakobsruh durch den Reichsarbeitsdienst und der Bau der Memelpromenade zum Schloßberg.

Die Rückgliederung des Memelgebiets am 22. März 1939 war wohl das bedeutungsvollste Ereignis für Tilsit vor Ausbruch des Krieges. Wie günstig es sich auf das Wirtschaftsleben der Stadt auswirkte, veranschaulichen die zwei nachstehenden Zahlen.
Das Gewerbesteueraufkommen stieg von 985.000 RM im Jahre 1938 auf 1.632.000 RM im Jahre 1940.

In den letzten Jahren vor dem Kriege wurde der Erweiterungsbau des Krankenhauses vollendet. Während des Krieges wurde das Altersheim zu einer modernen Kinderklinik ausgebaut. Die Stolbecker- und die Splittererstraße, als die großen Ausfallstraßen nach Westen, wurden verbreitert und neu gepflastert. Die Straßenbahnlinie nach Splitter wurde bis zum Waldfriedhof weitergeführt. Ein neues Gesicht erhielt die Deutsche Straße im Sommer 1939 durch Kleinsteinpflasterung des 26 m breiten Fahrdamms, Anlegung eines Radfahrweges, einheitlichen Fliesenbelag der Bürgersteige, neue Straßenbeleuchtungskörper, Entfernung unschöner Reklamen und Restaurierung historischer Fassaden. Auch die Kasernenstraße zwischen Deutscher- und Hoher Straße erhielt anschließend eine neue Pflasterdecke und Fliesenbürgersteige.

Am Rennplatz wurde, zum Teil in Gemeinschaftsarbeit, eine schmucke Siedlung erbaut. In den Räumen der Neiß'schen Höheren Mädchenschule wurde die Hilfsschule untergebracht. Der Erweiterungsbau der Schillgaller Volksschule wurde in Benutzung genommen. Das Grenzlandtheater wurde gründlich überholt. Es erhielt u.a. eine neue Fassade und eine auflegbare Drehbühne. In den oberen Räumen von Jakobsruh wurde eine Jugendmusikschule eröffnet und hierfür ein besonderer Leiter hauptamtlich angestellt. Die Stelle eines städtischen Musikdirektors wurde eingerichtet, das Theaterorchester verstärkt. Der Stadtbücherei wurde eine Musikbücherei angeschlossen, in die auch die ganze Bücherei des ehemaligen Wilhelm-Wolff-Konservatoriums übernommen wurde. Die Baulichkeiten des alten Wasserwerks am Fuße des Engelsberges wurden zu einem Seglerbootshaus mit Aufschleppe umgestaltet, das auch anderen Wassersportlern zur Verfügung stand. Ein altes Zollhaus in Karkeln am Kurischen Haff wurde zum Ausbau als Wasserwanderheim erworben. Der Krieg brachte der Verwaltung neue, sich ständig ausweitende Aufgaben, wie Durchführung der Zwangsbewirtschaftung und des Familienunterhalts. Darüber wurde auch im Kriege die Weiterbearbeitung einiger der Projekte nicht vergessen, die auf lange Sicht vorgesehen waren. Dazu zählten die Eisenbahnunterführung in der Stolbecker Straße, der Bau einer Oberschule für Mädchen Überm Teich als Ersatz für die veraltete Luisenschule, die Freibadeanstalt hinter dem Stadion in der Grünwalderstraße, der Jahrmarktsplatz hinter dem Carlberg auf dem bereits angekauften Gelände, zwischen Königsberger Chaussee und Kallkapper Hauptstraße, die Verlegung des Gaswerks, der Bau einer Jugendherberge am Engelsberg, eines Jugendheims an der Tilse, einer Großgaststätte Jakobsruh und einer Stadthalle in der Fabrikstraße, gegenüber der kath. Kirche. Zum Bau eines neuen Rathauses am Schloßplatz waren vor dem Kriege einige Grundstücke bereits erworben worden. Ein Modell veranschaulichte die Gestaltungsabsichten. In der Nachbarschaft des Rathauses sollte auch ein neues Finanzamt seinen Platz finden. Im übrigen schwebten Erwägungen, das Empfangsgebäude des Tilsiter Bahnhofs hinter "Jakobsruh" zu verlegen.

Die veränderte militärische Lage zwang die Stadtverwaltung auf die Wanderschaft. Am 19. Oktober 1944, dem ersten Tage feindlichen Artilleriebeschusses auf die Stadt, folgte sie mit dem wertvollsten Aktenmaterial dem Vorauspersonal nach Frauenburg/Braunsberg. Dort wurde bis zum 22. Januar 1945 gearbeitet. Dann begann für das Verwaltungspersonal der Marsch ins Ungewisse, der über das Eis des Frischen Haffs nach Kahlberg, Danzig, Stettin, Stralsund, Dessau, Leipzig, Zwickau und Aue führte und schließlich in Markneukirchen im Vogtland endete.
Ein städtisches Räumkommando unter Oberbürgermeister Nieckau war noch zurückgeblieben. Es hatte die Aufgabe, wertvolle Wohnungseinrichtungen, Wäsche, Kleider u.a. zu bergen und im Kreis Braunsberg einzulagern. Alle geborgenen Sachen wurden mit den Namen der Eigentümer erfaßt, die, soweit die Anschriften bekannt waren, benachrichtigt wurden. Viele holten persönlich ab, was sie am nötigsten brauchten. Alles übrige ist in den Lägern zurückgeblieben.

Kurz noch einige Zahlen über die Bevölkerungszunahme in den letzten 50 Jahren des Bestehens Tilsits als deutsche Stadt:
1895 28217 Einwohner
1910 39013 Einwohner
1924 47515 Einwohner
1939 57745 Einwohner
Diese Entwicklung läßt wohl am nachdrücklichsten die Fülle der Tilsiter kommunalpolitischen Probleme erkennen. Daß diese Probleme zu jeder Zeit trotz vieler Schwierigkeiten gelöst wurden, werden auch Außenstehende aufgrund der vorstehenden Ausführungen bestätigen müssen, die durchaus nicht den Anspruch auf Lückenlosigkeit erheben wollen. Auch mag mir in der Zeitfolge der eine oder andere Schnitzer unterlaufen sein.

Vieles von dem Geschaffenen wurde im nächtlichen Bombenhagel, im Artilleriebeschuß und durch die Willkür des Feindes zu Schutt und Asche.

Autor: © 1960 Richard Lindenau
Bild: Zeichnung von Rudolf Kukla
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 29/1999

Vorwort



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 28. Januar 2011