Topographisch-statistischen Daten
Auszug aus dem Handbuch über das Reichs-Postgebiet der Provinz Ostpreußen von 1878

T i l s i t, St., RB. u. OPDB. Gumbinnen, Kr.Tilsit, unter 55° 5' n.Br. u. 39° 35' ö.L., Stat. Der Tilsit-lnsterburger u. der Tilsit-Memeler Eb., auf dem linken Ufer des hier 360 m breiten Memelstromes, W. vom Einfluss der sich im S. der St. zu einem 3125 a grossen Teiche erweiternden Tilszele, in fruchtbarer, mit saftigen Wiesen und herrlichen Aeckern bedeckter Ebene. Die bei der St. ganz flachen Flussufer erheben sich oberhalb Tilsit bei Ragnit, Tusseinen u. Ober-Eisseln bis zu 99 m über den Ostseespiegel u. bilden mit ihrem Kranze lichter Laubwälder überaus anmuthige Landschaften, die sog. "littauische Schweiz". Dem auf dem linken Ufer gelegenen Schlossberge schräg gegenüber steigt der Sagenreiche heidnische Opferberg Rombinus an, auf dessen von Fichten dicht bestandenem Gipfel ein altersgrauer, granitner Opferstein stand, welcher in den vierziger Jahren zu Mühlsteinen verarbeitet worden ist. Etwa 8 km unterhalb Tilsits beginnt, von den Armen des sich theilenden Memelstromes umflossen, die Tilsiter Niederung, einer der fruchtbarsten Landstriche im preuss. Staate. Die 19938 weit überwiegend luth. Einw. sprechen fast ausschl. deutsch, im Verkehr mit den umwohnenden Littauern ist die littauische Sprache gebräuchlich, auch besteht in Tilsit eine littauische, evang. Gemeinde.

An guter Wasserstrasse nach Russland gelegen, ist Tilsit als Vermittlerin des Handelsverkehrs mit dem Nachbarreiche frühzeitig zu Bedeutung u. Wohlstand gelangt. Tilsiter Leinsaat war auf den Märkten der Seestädte, besonders Amsterdams, im 17. u. 18. Jahrh. ein gesuchter Artikel. Die Absperrung der Grenze in Folge schutzzöllnerischer und polizeilicher Massregeln der russ. Regierung, sowie die Eröffnung der K. Ostbahn, welche den Hauptverkehr mit Russland an sich zog, haben ein weiteres Emporblühen des ausländischen Handels der St. zwar gehemmt, immerhin aber ist derselbe, insbesondere für Getreide u. Holz aus Russland sowie für Eisen, Stahl-, Kurz- u. Manufacturwaaren nach Russland nicht unbedeutend. Durch Aufnahme Tilsits in den directen preuss.-russ. u. deutsch-russ. Verbandsverkehr sind dem Handel der St. neuerdings nicht zu unterschätzende Wege eröffnet. Vornehmlich aber ist Tilsit als Bezugs- u. Absatzquelle für den grössten Theil Littauens von Wichtigkeit. Getreide aller Art, Sämereien, Rübsaat, Flachs u. Heede, Taback, Butter, Käse u. Vieh werden mittels der Bahn oder zu Wasser hauptsächlich über Königsberg u. Memel ausgeführt.
Die Verbindung mit diesen Städten wird durch 4 Rad- u. 5 Schraubendampfer,-mit Kowno durch 2 Raddampfer hergestellt. Neben den Dampfschiffen ist eine grosse Anzahl von Segelschiffen stromauf- u. stromabwärts in Verwendung. 1876 haben 3795 Segelschiffe und 1005 Flösse die Tilsiter Schiffbrücke passirt. Die Ladung dieser Fahrzeuge hat stromauf weit über 1 Mill. Ctr., stromab etwa 2.400000 Ctr. betragen. Gleich dem Handel ist auch die gewerbliche Thätigkeit in gedeihlicher Entwicklung. 5 Bierbrauereien, 3 Essigfabriken, 2 Eisengiessereien u. Maschinenbauanstalten, 1 Glasfabrik mit 70 Arbeitern (fertigt Fensterglas, weisses Hohlglas, grüne u. halbweisse Flaschen u. Medicingläser ), 1 Knochenmühle, 2 Dampfmühlen, 1 Mineralwasserfabrik, 1 Oelfabrik, 1 Seifenfabrik, 1 Wagen- u. Schlittenfabrik, 3 Ziegelbrennereien, 12 Gerbereien, welche i.J. 1876 etwa 22000 Felle verarbeiteten, 1 Käsefabrik, welche den berühmten Tilsiter Käse macht, der in ganz Deutschland u. selbst im Auslande Absatz findet, 1 Schnupftabakfabrik mit Absatz nach Masuren u. den Seestädten. Berühmt sind die Tilsiter Schuhwaaren; auch ist die Handelsgärtnerei von Bedeutung. Gasanstalt, Reichsbankstelle, Sparkasse, Vorschussverein mit 650 Mitgliedern, städtische Feuersocietät. -

Der Ursprung Tilsits reicht bis in die frühesten Zeiten des Deutschen Ritterordens in Preussen zurück. Landmeister Meinhard von Querfurt hatte im Sommer 1289 zur Unterstützung der um dieselbe Zeit gegen die heidnischen Littauer angelegte Ordensburg Landshut (Ragnit) dicht an der Memel auf dem heutigen Schlossberge das Schalaunsche Haus erbaut. 1346 von Kynstut niedergebrannt u. durch Winrich von Kniprode wiederhergestellt, wurde diese Burg nach ihrer nochmaligen Zerstörung durch Kynstut i.J. 1370 von Konrad von Jungingen einige Tausend Schritt stromabwärts neu errichtet (das heutige Schlossgebäude) u. nach der vorüberfliessenden Tilszele Tilse genannt. Die unter dem Schütze dieser Burg entstandenen Ansiedlung deutscher u. preuss. Colonisten blühte, von den Kämpfen des Ordens gegen unberührt, in Folge ihres Handelsverkehrs mit den Littauern mächtig empor u. übertraf bald an Zahl der Häuser u. Einw. alle Städte der Landschaft, weshalb Herzog Albrecht am 14. Nov. 1552 dem Flecken unter Beilegung des Namens Tilsit das Stadtrecht verlieh u. Herzog Friedrich bei Einrichtung der Provinzialschulen i.J. 1587 auch Tilsit mit einer solchen bedachte.

Die Kriege der folgenden Jahrhunderte haben, wenngleich sie auch die St. berührten, ihrer gedeihlichen Weiterentwicklung nicht Abbruch gethan. 1679 wurde Tilsit von den Schweden besetzt, bei Ankunft des Grossen Kurfürsten jedoch schleunigst geräumt u. die schwed. Nachhut bei dem nahe gelegenen Splitter vernichtet. 1709 bis 10 raffte die Pest den dritten Theil der Einwohnerschaft dahin. 1757 u. 1758 bis 62 war Tilsit in Händen der Russen. Grosse Leiden u. eine traurige Berühmtheit verschafften der St. die Kriege mit Napoleon. Das Lager der Franzosen in u. um Tilsit im Juni 1807 kostete den Einw. weit über 2 Mill. M. Vom 19. Juni bis 9. Juli weilten Alexander, Napoleon u. meistens auch Friedrich Wilhelm III. während der Friedensunterhandlungen in Tilsit. Am 7. u. 9. Juli kam auf einem mitten in der Memel errichteten Flosse der Friedensschluss der drei Mächte zu Stande, welcher Preussen der Hälfte seines Ländergebiets beraubte. Knüpfte sich somit an den Namen Tilsit die Erinnerung an die tiefe Erniedrigung Preussens, so ist es der St. auch andererseits auch vergönnt gewesen, in erster Reihe bei der bald darauf beginnenden Befreiung des deutschen Vaterlandes genannt zu werden. In der Nähe Tilsits schloss General von York die denkwürdige Convention zu Poscherun (bei Tauroggen) mit dem russ. Feldherrn Diebitsch ab. Tilsit war die erste Stadt, zu deren schleuniger Räumung der franz. General Macdonald nunmehr gezwungen war. --

Die weit angelegte, freundliche Stadt zeichnet sich durch zahlreiche schöne Bauwerke aus. Die luth. Kirche erregte 1807 durch ihren kunstvoll gebauten Thurm (1698 bis 1712) die Aufmerksamkeit Napoleons. Bemerkenswerth sind das Rathhaus, Postgebäude, Krankenhaus, Gerichtsgebäude. Ein prachtvolles Bauwerk hat Tilsit neuerdings in der über die Memel führenden Eisenbahnbrücke erhalten.
K.Gymnasium (frühere Provinzialschule), städtische Realschule I. Ordn., städtische u. Privat-Töchterschule, Stadtschule, 5 Elementarschulen, Pauperhaus, städtisches Krankenhaus, Waisenhaus u. verschiedene wohlthätige Stiftungen. 2 Superintendanturen. Litt. Drag. Reg. No. 1, Landw. B. Comm. (1. Bat. I.Ostpr. Landw. Reg.No.1), Landr.A., Kr.Kasse, Hauptzoll-A., Direction der Tilsit-lnsterburger Eb., Kr. G., Staatsanwaltschaft. -PAT. l.; ET.; Posth.; Pers. P. Tilsit-Laugszargen (-Tauroggen), Tilsit-Schmalleningken (-Georgenburg in Russland), Tilsit-Kaukehmen u. Tilsit-Wehlau; Priv. Pers. Fuhrw. nach Ragnit; Bot. P. nach Kallwen u. nach Schmalleningken.

Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 30/2000

Vorwort



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 20. Januar 2011